
Luo Guanzhong (羅貫中):
Die Drei Reiche. Übertragen von Eva Schestag. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2017.
Die [Geschichte der] Drei Reiche ist nach
Der Traum der roten Kammer und die
Die Reise in den Westen der dritte der
vier klassischen Romane und der dabei bislang widerständigste – ich las von Ende März bis Anfang Dezember an dem Buch, das in zwei Bänden à gut 850 Seiten vorliegt.
Es erzählt einen Teil alter chinesischer Geschichte: die Han-Dynastie verlor Ende des 2. Jahrhundert u. Z. aufgrund von Unruhen und langfristig problematischen politischen Entscheidungen (
vgl.) ihre Macht und so stritten sich in der Folge die drei Reiche Wei, Shu und Wu um die Vorherrschaft.
Das heißt natürlich: auch ein großer Teil der Schilderungen des Romans, der sich mindestens in groben Zügen an die realen Ereignisse hält, besteht aus militärischen Operationen großer Heere, die in unzähligen Feldzügen, Schlachten zu Wasser und zu Land, Scharmützeln, Hinterhalten und Belagerungen, in denen das einzelne Leben überhaupt gar nichts gilt, gegeneinander geführt werden.
(
Eine dieser Schlachten wird in John Woos
Red Cliff in monumentale Filmbilder umgesetzt.)
Vorbereitet werden die militärischen Operationen in politischen Beratungen, Intrigen, Verrat und temporären Allianzen. Da die Handlung gut 70 Jahre erzählter Zeit umfasst und zwischen unterschiedlichen Schauplätzen wechselt, spielen hunderte Figuren eine mehr oder weniger große Rolle – einige, wie Cao Cao, über einen großen Teil der insgesamt 120 Kapitel, andere nur einmalig. Mindestens für den westlichen Leser ist dies ein wenig überwältigend; dankenswerterweise hat Eva Schestag, die die Übersetzungsgroßtat vollbracht hat, an der einen oder anderen Stelle in einer Fußnote auf frühere Begebenheiten hingewiesen; zudem gibt es ein Figurenverzeichnis am jeweiligen Ende des Bandes. Zur groben Orientierung kann die Karte der drei Reiche auf dem Vorsatzpapier dienen, die Verschiebungen der Einflusssphären jedoch werden in der nebenstehenden Animation deutlicher.
Der Autor Luo Guanzhong habe, so die verdienstvolle Übersetzerin Eva Schestag im Nachwort, den Roman vermutlich um das Jahr 1400 geschrieben, eine erste Druckausgabe erschien erst 1522. Diese wiederum war Grundlage für die 1680 publizierte, gegen den als Bösewicht gezeichneten Cao Cao parteiische, heute populärste gekürzte Version. Doch auch die Vorlage für Luo, die Ende des 3. Jahrhunderts als Chronik des Hofschreibers Chen Shou für die im Konflikt siegende Jin-Dynastie verfasst wurde, wird nicht neutrale Geschichtsschreibung gewesen sein, zudem wurde sie in den über tausend Jahren bis zu Luos Werk vielfach durch Nebenwerke, Ausschmückungen, Varianten mehr oder weniger volkstümlicher Art ergänzt, sodass Luo einen reichen Fundus an sagenhaften Geschichten zur Verfügung hatte, die er ordnete, überarbeitete und in die jetzige Form brachte.
Der Roman, dessen Kapitel jeweils eine in zwei Sätzen den jeweiligen Inhalt zusammenfassende Überschrift enthalten, ist dabei weitgehend chronologisch erzählt – allerdings mit vielfachen Orts- und damit auch Perspektivwechseln: deutlich werden die unterschiedlichen Motive für die Entscheidungen über Leben & Tod für Einzelne, aber auch Abertausende. In manchmal kapitellangen, manchmal viele Kapitel überspannenden Episoden, die in ihrer konzentrierten Fülle ihrerseits für einen ganzen Roman unserer Vorstellung hinreichen würden, werden Teilaspekte der Auseinandersetzungen gezeigt – beispielsweise zu Beginn, wenn die Kraft der alten Han-Dynastie nicht mehr ausreicht, um die Rebellen, die unter dem Namen »Gelbe Turbane« bekannt sind, im Zaum zu halten. Wenn sie dann der Kanzler Cao Cao schlägt, ist sein Ruhm so groß, sein Einfluss so stark, dass die formelle Unterordnung unter den schwachen Kaiser nur ein kleiner Preis für die tatsächliche Machtausübung ist. Er selbst sagt: »Ich bin Kanzler der Han-Dynastie. Die Han, das bin ich.« (Ebd., I 365). –
Ein Textbeispiel aus dem ersten Kapitel:
»Wenige Tage später berichtete ein Bote, dass ein General der Gelben Turbane, Cheng Yuanzhi, eine Armee von mehr als fünfzigtausend Mann zum Angriff gegen die Präfektur Zhuo führe. Liu Yan befahl Zou Jing, die drei Brüder mit ihrer fünfhundert Mann starken Armee in den Kampf gegen die Rebellen zu führen. Freudig übernahm Xuande das Kommando über die Vorhut. In dem Moment, als sie am Fuß des Berges Daxing angekommen waren, trafen sie auf die Feinde. Jeder von ihnen trug das Haar offen und ein gelbes Tuch um die Stirn. Die beiden Heere standen sich gegenüber. Xuande ritt mit seinem Pferd nach vorne. Zu seiner Linken war Guan Yu, zu seiner Rechten Zhang Fei. Mit der Peitsche gestikulierend schrie er: ›Rebellen, die ihr gegen den Staat aufbegehrt, warum ergebt ihr euch nicht gleich?!‹ Cheng Yuanzhi wurde zornig und schickte seinen Vizegeneral Deng Mou zum Kampf nach vorn. Zhang Fei richtete seine achtzehn Fuß lange Lanze mit dem Schlangenkopf gegen ihn, durchbohrte ihm die Brust und stieß ihn rücklings vom Pferd. Als Cheng Yuanzhi sah, dass Deng Mou zu Fall gebracht worden war, peitschte er sein Pferd, schwang sein Schwert und ritt geradewegs auf Zhang Fei zu. Da holte Guan Yu mit dem Schwert weit aus, ließ seinem Pferd freien Lauf und flog dem Feind entgegen. Cheng Yuanzhi erschrak, als er ihn sah. Doch seine Hand war nicht schnell genug, und Guan Yus Schwert teilte ihn in zwei Hälften. Später pries ein Dichter diese beiden Männer:
An jenem Tag zogen die zwei Helden ihre scharfen Klingen,
Der eine seine Lanze, der andere sein Schwert.
Kraftvoll hoben sie an, und mit einem Schlag
Waren ihre Namen in den drei Reichen bekannt.« (Ebd., I 23 f.)
Die Stelle zeigt deutlich die allgegenwärtige Lakonie des Tötens und Sterbens, aber auch die erzählerische Raffung des an sich ja spektakulären Kampfes – der aber eben nur einer von unzähligen ist. Wie in diesem Beispiel werden häufig Gedichte und Lieder zitiert, die über die jeweiligen Helden verfasst wurden – hier zeigt sich, wie Luo aus dem volksliterarischen Fundus schöpft. In diesem Beispiel siegen 500 über 50.000, da sich letztere zur Flucht wenden, als sie den Tod ihres Generals sehen, aber auch von Hunderttausenden oder Millionen Mann starken Heeren wird berichtet – dass diese Zahlen nicht realistisch sein dürften, liegt auf der Hand. Zudem werden die Zahlen im zweiten Teil des Buches allesamt eher niedriger angesetzt, auch wenn die Bedeutung der Heere mindestens gleich sein dürfte.
Warum die Lektüre (mindestens) für europäische Lesende schwierig sein dürfte, wird an folgender Stelle erkennbar:
»Also erklärte er Cao Cao, dass man Guo Jia nach Yanzhou rufen solle, um mit ihm über die Lage des Reiches zu sprechen. Guo Jia wiederum empfahl einen direkten Nachkommen des Han-Kaisers Guangwu, einen Mann aus Chengde in Huainan. Er hieß Liu Ye und wurde Ziyang gerufen. Auf Cao Caos Einladung hin kam Liu Ye und empfahl seinerseits zwei Männer: Der eine kam aus Changyi in Shandong, hieß Man Chong und wurde Boning gerufen. Der andere kam aus Wucheng, hieß Lü Qian und wurde Zike gerufen. Cao Cao waren auch diese beiden Namen wohlbekannt, und er gab jedem von ihnen einen Posten in der Armee. Man Chong und Lü Qian empfahlen beide ein und denselben Mann: Er kam aus Pingqiu in Chenliu, hieß Mao Jie und wurde Xiaoxian gerufen. Cao Cao bot auch ihm Titel und Amt.« (Ebd., I 148)
Kaum möglich ist es, sich all diese Namen – und gar auch deren Varianten! – zu merken. Wertvoll also zum einen das Namensregister – gerade wenn sich aufgrund eines Schauplatzwechsels auch das Figurentableau wieder ändert –, aber vielleicht auch einfach die Entscheidung, dass nicht jede Figur wichtig ist. Die häufiger Handelnden werden aufgrund der Wiederholung ihrer Namen jedoch bald vertraut.
Großartig geschildert beispielsweise die Figur Kongming (eigentlich
Zhuge Liang), die viele Kapitel lang die Handlung beeinflusst, Unwissenden oder hastig zu handeln Drohenden die kriegerischen Auseinandersetzungen erklärend und immer wieder neue Wege findend, die gegnerischen Truppen und ihre Befehlshaber zu foppen – gerade in diesen Diskussionen werden die
36 Strategeme der Kriegskunst wieder und wieder gewendet, was letztlich zu großen Erfolgen Kongmings führt. Dieser zeigt sich auch psychologisch klug:
»Wie gesagt, Kongming hatte seinen Gefangenen, Meng Huo, wieder freigelassen. Da kamen seine Offiziere ins Zelt und fragten: ›Meng Huo ist der Anführer der Nanman-Krieger. Solange er in unserer Gewalt war, hätten wir den Süden unter Kontrolle bringen können. Warum habt Ihr ihn wieder laufen lassen, Kanzler?‹ Kongming lächelte: ›Ihn wieder einzufangen ist ein Kinderspiel! Es geht darum, sein Herz zu bezwingen. Der Frieden kommt dann von ganz allein.‹ Keiner der Offiziere wollte ihm glauben.« (Ebd., II 387)
Kongming erscheint in dieser kurzen Episode wie Konfuzius in seinen Lehrgeschichten als derjenige, der Einsicht in die wahren Verhältnisse hat; letztlich als weiser Mensch.
So könnte ich jetzt noch viele Stellen zeigen, um die Besonderheit dieses Werks zu zeigen. Ich will mich aber lieber an Luo lehnen, der jedes Kapitel beendet mit einem altchinesischen Cliffhanger: einem Bezug auf das Vorhergehende und einem Appell, z. B.
»Welchen Einwand Qiao Zhou vorbringt, steht im nächsten Kapitel. Lest weiter!« (Ebd., II 591)
Insofern: Ihr habt nun einen kleinen Eindruck gewonnen. Lest selbst!