Tucker Carlsons Behauptung

„Großbritannien trat in den Krieg freiwillig ein“? Hitler begann den Krieg, nicht England

Autorenprofilbild von Sven-Felix Kellerhoff
Von Sven-Felix KellerhoffLeitender Redakteur Geschichte
Stand: 28.11.2025Lesedauer: 5 Minuten
Münchener Konferenz 29. September 1938. Gemeinsame Verlautbarung Hitlers und Chamberlains am Tag nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens: “Nie mehr Krieg zwischen Deutschland und England”. Chamberlain, Hitler und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier in der Wohnung Hitlers. Foto.
Das vierte und letzte Treffen des britischen Premiers Neville Chamberlain mit Adolf Hitler am 30. September 1938 vormittags in dessen Wohnung am Münchner PrinzregentenplatzQuelle: akg-images/picture alliance

Der US-Talkmaster Tucker Carlson behauptet in einem Interview mit einem britischen Journalisten, Großbritannien sei „freiwillig“ in den Krieg Deutschlands gegen Polen eingetreten. Um zu so einer These zu kommen, muss man allerdings den Kontext von 1939 ignorieren.

Am geschicktesten lügt es sich mit zutreffenden Fakten. Wie das geht, führt der US-Talker Tucker Carlson in einem Interview mit dem britischen Journalisten Piers Morgan vor, das gerade in den sozialen Medien viel Aufmerksamkeit erhält. „Großbritannien trat in den Krieg freiwillig ein“, sagt Carlson in dem auf X verbreiteten Video. Hitler sei auf den Kommunismus fixiert gewesen und habe Polen angegriffen, nicht aber das Vereinigte Königreich. Piers Morgan bemüht sich in dem kurzen Ausschnitt gegenzuhalten, wird aber von seinem Gastgeber wiederholt unterbrochen.

Gleich mehrere einzelne Tatsachen an Carlsons Behauptung stimmen tatsächlich – und trotzdem ist der Schluss grundfalsch, Großbritannien sei „freiwillig“ in den Krieg eingetreten. Denn der zumindest zeitweilige Berater von US-Vizepräsident J.D. Vance bedient sich eines bei Propagandisten jeder Couleur beliebten Mittels: Er reißt zutreffende Einzelheiten aus ihrem Zusammenhang.

Zutreffend ist erstens: Das nationalsozialistische Deutschland war tatsächlich auf die Sowjetunion als Hauptgegner fokussiert. Allerdings kann man nicht, wie es Carlson tut, den Kurswechsel des Hitler-Stalin-Pakts weglassen. Er wurde ja in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 geschlossen, also eine Woche vor dem Überfall der Wehrmacht auf Polen. Damit ging es im Spätsommer jenes Jahres erkennbar um einen mindestens europäischen Krieg – parallel mit den deutschen Unterhändlern waren Briten im Gespräch mit Moskau, um ein Bündnis der beiden Diktatoren zu verhindern.

Richtig ist zweitens, dass der Krieg am 1. September 1939 mit deutschen Angriffen unter anderem auf die polnische Grenzstadt Wielun und die polnische Befestigungsanlage Westerplatte vor Danzig begann. Allerdings darf man nicht wie Carlson weglassen, dass der britische Premier Neville Chamberlain im Namen auch Frankreichs ein knappes halbes Jahr zuvor öffentlich Polen eine notfalls militärische Beistandsgarantie gegen Angriffe aus Deutschland verkündet hatte. Hitler wusste also ganz genau, dass er mit dem Angriff eine Reaktion in Großbritannien provozieren würde.

Der Grund für diese Beistandsgarantie war ebenfalls klar: Hitler hatte in direkter Verletzung des Münchner Abkommens vom 30. September 1938 keine sechs Monate später die „Rest-Tschechei“ (so der NS-Begriff) militärisch besetzen lassen. Damit hatte er signalisiert, dass Zusagen und Abkommen für ihn keinerlei Wert hatten.

Drittens stimmt, dass rein formal schließlich die Regierung in London am 3. September 1939 dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Allerdings kann man die Vorgeschichte dieses diplomatischen Vorgangs nicht weglassen, ohne sich einer vorsätzlichen Fälschung der Fakten schuldig zu machen.

Joseph Goebbels im Gespräch mit Sir Nevile Henderson, aufgenommen 1938
Joseph Goebbels im Gespräch mit Sir Nevile Henderson, aufgenommen 1938Quelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Schon in den letzten Augusttagen 1939 hatte der britische Botschafter in Berlin, Sir Nevile Henderson, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und andere hohe Vertreter des Dritten Reiches vor weiteren Aktionen gegen Polen gewarnt. Es kam bereits seit dem 25. August immer wieder zu Grenzzwischenfällen, und natürlich war durchgesickert, dass anderthalb Millionen deutsche Soldaten an der Ostgrenze zusammengezogen waren. Bei jedem dieser Gespräche wies der Diplomat aus London auf die Garantieerklärung Großbritanniens hin.

Nach Kriegsbeginn, am 1. September 1939 gegen 21 Uhr, übergab Henderson dann ein unmissverständliches Ultimatum: „Aus Nachrichten, die zur Kenntnis der Regierung Seiner Majestät im Vereinigten Königreich und der französischen Regierung gelangt sind, geht hervor, dass deutsche Truppen die polnische Grenze überschritten haben und dass Angriffe auf polnische Städte im Gange sind“, hieß es darin. Und weiter: „Unter diesen Umständen sind die Regierungen des Vereinigten Königreichs und Frankreichs der Auffassung, dass die Deutsche Regierung durch diese ihre Handlung die Voraussetzungen geschaffen hat (nämlich einen aggressiven Gewaltakt gegenüber Polen, der dessen Unabhängigkeit bedroht), welche seitens der Regierungen des Vereinigten Königreichs und Frankreichs die Erfüllung ihrer Verpflichtungen Beistand zu leisten, erheischen.“ Um das abzuwenden, müssten sämtliche Kampfhandlungen eingestellt und alle deutschen Truppen umgehend über die eigene Grenze zurückgenommen werden.

Ribbentrop erwiderte, eine deutsche Aggression läge nicht vor, sondern Polen habe seit Monaten Deutschland provoziert – eine glatte Lüge, auch wenn es von radikalen polnischen Nationalisten wüste Töne gegeben hatte. Die polnische Regierung hingegen, noch im Oktober 1938 Nutznießer des Münchner Abkommens, hatte sich im Wissen um die totale eigene militärische Unterlegenheit um Deeskalation bemüht.

Hitler ignorierte das unmissverständliche Ultimatum. Daher konnte niemand in Berlin überrascht sein, als Henderson 36 Stunden später, am Sonntagmorgen um neun Uhr, folgende Mitteilung machte: „Ich habe demgemäß die Ehre, Sie davon zu unterrichten, dass, falls nicht am heutigen Tage, dem 3. September, bis 11 Uhr vormittags britische Sommerzeit eine befriedigende Zusicherung im oben erwähnten Sinne von der Deutschen Regierung erteilt wird und bei Seiner Majestät Regierung in London eintrifft, der Kriegszustand zwischen den beiden Ländern von der genannten Stunde an bestehen wird.“

Ribbentrop hatte sich dem absehbar unangenehmen Termin mit einer fadenscheinigen Begründung entzogen und den Chefdolmetscher des Auswärtigen Amtes, Paul Schmitt, beauftragt, Henderson zu empfangen. Ein zusätzlicher Affront.

Die Folgen sind bekannt: Großbritannien und Frankreich erklärten Hitler-Deutschland den Krieg, der Zweite Weltkrieg, der durch den Angriff auf Polen begonnen hatte, weitete sich das erste Mal aus. Am Ende standen im Frühjahr 1945 mehr als 60 damalige Länder auf der ganzen Welt im Kriegszustand mit Deutschland. Zehn davon hatte das Dritte Reich selbst angegriffen und überwiegend vollständig besetzt. Jedoch gab es nur eine formale Kriegserklärung durch Deutschland: am 11. Dezember 1941 an die USA.

Nur wer den Kontext der britischen Kriegserklärung an das Dritte Reich vorsätzlich und wider besseres Wissen ignoriert, kann zu einer Behauptung wie Tucker Carlson kommen.

Denn die Wirklichkeit ist einfach: Nicht nur ist Großbritannien nicht „freiwillig“ in den Krieg eingetreten – im Gegenteil hat die Regierung in London alles versucht, um eben diesen Krieg zu vermeiden.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Hauptthemen zählen neben Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg auch allgemein Kriegsverbrechen in historischer Perspektive.