Über das Tagebuch
Ich glaube, ich muss mal wieder schreiben. Eigentlich schreibe ich jeden Tag. Meistens direkt am Morgen, direkt ins Tagebuch. Was geht so vor sich, was ist geplant, was erwartet mich an dem Tag, an der Woche, im nächsten Quartal? Dabei geht es meistens um praktische oder organisatorische Dinge, aber auch meine Gefühle dürfen ihren Platz in die Zeilen finden, so wie sie gerade kommen. Ich filtere dabei nichts heraus, sondern versuche stets ehrlich zu mir zu sein. Das ist manchmal anstrengend. In diesem Jahr habe ich z.B. gemerkt, dass bestimmte Probleme, trotz meiner Anstrengungen und Bemühungen, nicht verschwinden. Wenn man dann mehrere Wochen oder Monate im Tagebuch zurückliest, fällt mir auf, dass ich immer noch am gleichen Problem hänge und keine Lösung in Sicht ist, was manchmal frustrierend ist. Dennoch benötigt die Seele ein Ventil und alles muss raus, damit man nicht platzt (oder neurotisch oder auf eine andere Art und Weise krank wird). Das Schreiben hilft mir auch ungemein, neue Perspektiven auf ein Problem zu bekommen und meine innere Einstellung ständig zu beleuchten und zu hinterfragen. Manche Lösungen kommen dann „wie von selbst“.
Ich schreibe jetzt schon seit meiner ersten größeren Lebenskrise Anfang 2000, als ein Mittel und praktisches „Werkzeug“, um mich innerlich zu sortieren und zu stabilisieren und es hilft meistens sehr gut. Man benötigt keine Tablette, keinen Alkohol, noch nichtmal Freunde oder jemanden, der einen zuhört. Das Tagebuch ist eine Zwiesprache mit sich selbst und es hört dabei immer zu und reflektiert schonungslos alles zurück. Das Blog ist eigentlich für mich eine Sonderform des Tagebuchs, meistens sehr persönlich, aber doch mit der Möglichkeit, das andere einen zulesen, mitfiebern und mitkommentieren können. Die gewisse Grundoffenheit sich selbst und anderen gegenüber gehört also dazu. (Zum Tagebuch und zum Blog) Ohne Offenheit geht es nicht und das ist z.B. ein Punkt, der bei mir anders geworden ist, als ich älter geworden bin. Die ganz große Naivität der Jugend ist vorbei, man wird „erwachsener“, reifer, vielleicht auch humorloser oder introvertierter. Meine Lust, meine Seele mit der ganzen Welt zu teilen, ist fast gegen 0 gesunken und das ist auch der Grund, warum ich nicht mehr so viel schreibe. Wenn man nichts teilt und in sich selbst ruht, ist es aber auch für andere schwierig, „anzudocken“. Menschen möchten ja immer wissen, was andere Menschen umtreibt. Eine gewisse Neugierde steckt in jedem von uns. Und es ist auf der anderen Seite auch die Grundlage für Freunde und soziale Kontakte. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Menschen gerne andere Menschen anschauen und das auch ein Grund ist, warum Social Media so erfolgreich ist. Vor allem Social Media, bei denen wir ständig in den Alltag anderer Menschen mitgenommen werden. Je authentischer das umgesetzt wird, umso besser. Dann können wir auch nebenbei eine neue Pflegelotion oder ein Shampoo vom Influencer kaufen. Das stört uns nicht besonders, weil wir ja unsere Neugierde befriedigen durften. Nehmen und geben.
Alle Texte meines Tagebuchs liegen immer noch auf dem Computer. Es ist manchmal eine lustige Zeitreise, wenn ich die Dateien aufmache und darin stöbere. Ich erkenne sogar so etwas wie eine „innere Reifung“ an den Texten, aber nicht ausschließlich. Die Perspektiven sind einfach total anders, wenn man jung ist. Früher waren mir Freunde total wichtig und jeder zweite Satz ging irgendwie darum, wann ich wen treffen möchte. Das war in der Zeit besonders schlimm, weil es die Zeit war, wo ich mich auf der einen Seite massiv zurückgezogen habe und gleichzeitig total neu anders orientiert habe, also auch keine Lust mehr auf die alten Freunde und die alten Cliquen hatte. Es gab einen massiven Bruch in den sozialen Kontakten, aber auch im Inneren und man kann es in den Texten deutlich ablesen. Anfang 20 hatte ich noch eine gewisse Jugendsprache, die sich dann in den Jahren verändert hat. Später wurde ich albern und habe häufig Smileys eingefügt (so mit Mitte 20), der große Ernst des Lebens kam erst mit 35 oder 40. Aber selbst da war ich noch sehr optimistisch. Meine Texte wurden mit dem Alter besser und die Sätze länger. Aber ich kann auch eine gewisse Unbeweglichkeit erkennen und ich fing an, mein Leben mehr zu planen und weniger zu „leben“.
Zur Zeit (mit Ende 40) beschäftigte ich z.B. sehr intensiv mit der Frage des eigenen Alters und der Wechseljahre. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, weil ich mich mit dem Altern meiner Eltern sehr stark beschäftige und es mehr als sonst in den Fokus meines Lebens gerückt ist. Als Tochter, die nicht so weit weg wohnt, muss ich mich mit der Pflege und der Betreuung der älter werdenen Eltern beschäftigen und fühle mich verantwortlich. Das verändert einen Menschen ganz automatisch.
Über die Weltlage
Das ist jetzt auch die Zeit, wo ich ernst werde. Ich beschäftige mich wieder mehr mit ernsten Themen, vor allem die Politik und die Weltlage beschäftigt mich intensiv. Themen wie Armut oder Ausgrenzung werden wieder wichtiger. Die waren eine Zeit lang ganz aus meinem Fokus gerückt. Aber jetzt, wo die Wirtschaftslage für viele Menschen in Deutschland „sehr ernst“ wird, muss man wieder mehr darüber nachdenken und überlegen, was man persönlich tun kann, damit Probleme nicht schlimmer werden. Das gleiche gilt für Ausgrenzung und Diskriminierung so vieler Menschen, vor allem in den autoritären Ländern wie USA, Russland, China, usw. Das sind immer sehr große und bevölkerungsreiche Länder, wo überall Unfreiheit und Unterdrückung herrscht. Natürlich verändert es die Weltlage und somit eines Tages auch die persönliche Situation. Wir sind nicht frei davon, alles ist miteinander verbunden. Im schlimmsten Fall in Form von Wirtschaftskrisen oder Kriegen, die unversöhnliche Menschen miteinander führen „wollen“ oder die einfach aus Macht-Interessen geführt werden. Wir müssen auch lernen, unsere Demokratie und unsere Freiheit zu verteidigen, weil sie nicht selbstverständlich sind.
.. und Social Media
Was sich bei mir auch ständig geändert hat im Leben, sind die Hobbies. Es gab mal Jahre, da habe ich jeden Tag fotografiert und Bilder bearbeitet. Das war in der Zeit, als Instagram für FotografInnen noch eine tolle, unterstützende Plattform war, und man ständig neue Leute und andere Fotografen kennengelernt hat. Die Blütezeit von Instagram sozusagen, die ungemein schön und inspirierend war. Meine Motivation Bilder zu machen, war vor allem durch das Feedback und den Austausch mit anderen Menschen stark angewachsen. Plötzlich konnte man ganz einfach erkennen und lernen, was schöne und gute Bilder sind. Es waren noch keine KI-Inhalte, sondern Fotos, mit der Leidenschaft und der Liebe von echten Menschen. Man konnte in den Bild-Horizont von so vielen anderen Menschen eintauchen. Das war fast so intensiv wie die Blütephase der Blogs, wo man plötzlich in die Gedanken von Millionen Menschen blicken konnte und alle „wie selbstverständlich“ mitgemacht haben.
Das ist etwas, was mir sehr fehlt. Instagram ist so etwas wie das „Mordor“ von Herr der Ringe geworden. Sie sind komplett auf die dunkle Seite gewandert. Überhaupt fast alle amerikansichen Plattformen. Alle haben nur noch ein Ziel: Kurze, nichtssagende, bedeutungslose Kurz-Videos, ohne inhaltliche Verbindung oder Logik, die dich pausenlos an die Platform binden sollen. Man baut keine Beziehungen mehr zu Menschen, sondern nur noch zur Plattform auf. TikTok hat ihnen damals einen Schrecken eingejagt und seitdem eifern sie den Chinesen nach und haben selbst überhaupt keine neuen Ideen mehr.
Da ist kein Austausch mehr, nichts soziales. Keine Interaktion. Weder auf Instagram, Youtube, X (Twitter) oder Facebook. Die großen Plattformen kann man mittlerweile alle vergessen. Sie sind nur noch dazu da, Daten abzugreifen und aus dem Nutzer so viel „Nutzen“ (Daten, Geld, etc.) wie möglich zu ziehen. Schade. Irgendwann ist sowieso alles automatisiert. Der Feed, die Inhalte, die Nutzer. Wozu werden Menschen also noch benötigt?
Die einzige Plattform, die im Moment noch dagegen hält ist „Threads“, wo man immerhin noch Sachen von Menschen lesen kann, die nicht gefälscht oder manipuliert aussehen. Aber ich traue dem Frieden nicht.
Die einzige Antwort auf die wachsende Unfreiheit in der Welt, vor allem auch in der digitalen Welt, liegt darin, wieder mehr eigene Seiten, eigene Blogs und eigenen Inhhalt anzubieten, der von amerikanischen oder chinesischen Firmen komplett unabhängig ist.