ich habe mein leben lang geglaubt, dass ich nicht perfektionistisch bin. lustig eigentlich.
ich bin damit aufgewachsen, dass ich nie reichte. alles was mich ausmachte, bewegte sich immer unter null. alles was ich leistete bewegte sich unter null. alle anderen, die gleichaltrigen, die freunde, die wunschvorstellung meiner eltern von mir, alles befand sich über der nulllinie und wurden mir immer wieder als vorbild aufgezeigt. über die jahre divergierte das bild immer mehr – ich rutschte immer weiter unter die nulllinie, die anderen automatisch immer weiter drüber. manchmal gab und gibt es besondere trigger-menschen, diejenige die so viele elterlichen ideale in sich vereinten, dass sie unerreichbar als mahnender zeigefinger über mir schwebten alsl hinweis auf alles was ich nicht war. noch heute gibt es diese menschen, noch heute spüre ich ein fast sofortiges rutschten unter die nullinie wenn sie auftauchen.
vor ein paar tagen dann hörte ich einen podcast in dem es um selbstliebe geht. ich mache für gewöhnlich einen großen bogen um alle angebote zum thema „selbstliebe“, weil mir das thema und die art und weise wie es oft bearbeitet wird, so unangenehm und peinlich ist. realease your inner goddess, my ass. dieser podcast aber hatte mehrere fragestellungen in petto, die ich spannend genug fand sie einfach nochmal anzugehen. zum einen ging es um die berühmten glaubenssätze zum thema selbstliebe – welche glaubenssätze bezüglich meiner person hatte ich über die vielen lebensjahre internalisiert? das war leicht, die schwirren ständig in mir rum. die nächste fragestellung oder besser der nächste impuls ging um das thema perfektion. der podcast setzte perfektion und selbstliebe in denselben kontext, den ich erstmal nicht begriff: sollte ich jetzt selbstliebe perfektionieren? oder konnte ich mich erst dann lieben, wenn ich perfektionisch bin? da kann ich gleich einpacken, denn perfektionistisch bin ich ja überhaupt nicht.
sagt wer?
alle. ich. immer schon. dabei wäre es geblieben, wie es eben all die jahre dabei geblieben ist, wenn im podcast nicht weitergedacht worden wäre, nämlich darüber was für arten von perfektionismus es überhaupt gibt. ich hatte darüber noch nie nachgedacht. perfektionistisch sind für mich diejenigen, die immer blitzsaubere wohnungen haben und regelmässig aufräumen. oder die ein ablagesystem für ihre rechnungen und verträge haben und nicht nur einen kofferraum, in dem genau das alles rumliegt. oder die, die wert auf gestaltung legen, so mit blumen oder adventskranz und dekozeug und den kram nicht 10 jahre eingestaubt irgendwo stehen haben weil sie nie zum wegräumen gekommen sind. diejenigen, die sich an regeln halten, die sagen „naja, aber wir müssen das halt jetzt so machen“ statt „naja, aber müssen wir das halt jetzt echt so machen?“. das alles sind für mich maßstäbe des perfektionismus. die habe ich über meine erziehung mitbekommen, die sind gesellschaftlich anerkannt, oft gefordert. menschen die diese maßstäbe nicht erfüllen nennt man, je nach grad des nicht-erfüllens, freaks, außenseiter, schrullige menschen. oh hello!
der podcast aber dachte nicht in meinen bahnen und auch nicht in den gesellschaftlichen, sondern erweiterte die frage nach dem perfektionismus auf alle bereiche menschlichen lebens zb. auch den von beziehungen oder hobbies oder wissen. sicher ist das nicht neu, aber für mich war es eine offenbarung: denn mit der idee, dass perfektionismus sich ja in ganz vielen facetten zeigen kann, erkannte ich plötzlich, dass es ziemlich viele bereiche gibt in denen ich tatsächlich sehr perfektionistisch bin. ganz besonders in beziehungen, sei es zu meinem partner oder meinen kindern. ich fordere sehr viel von mir an loyalität, an präsenz, an zugewandtheit, verlässlichkeit, fürsorge. ich bin perfektionisch in bezug auf meine moral, meine werte und normen, meine bildung – das sind meine leistungsprinzipien. auch in bezug auf meine arbeit bin ich perfektionistisch, inhaltlich aber, nicht formell – letzteres ist aber wieder so ein ding, dass inhaltliche glaubwürdigkeit und qualität erst dann gegeben scheint, wenn der formelle rahmen perfekt ist, was völliger quatsch ist.
je mehr ich drüber nachdachte, desto mehr fiel mir ein. und plötzlich machte auch der satz „perfektioismus ist ein ausdruck von mangel an selbstliebe“ sinn. zumindest für mich, in meinen bereichen des perfektionismus. denn in demselben maß wie ich investiere und ständig 100% plus gebe, bin ich der meinung, dass es ohnehin nie reicht. dass ich nie reiche. das war und ist einer meiner glaubenssätze, der an mir klebt wie teer und von dem ich denke, dass ich lediglich versuchen kann gut mit ihm zu leben – weg werde ich ihn nie kriegen. mein stress in diesen bereichen wurde mir so deutlich, dieser permanente mahnende finger über all meinen zwischenmenschlichen handlungen, dass ich immer noch nicht genug wäre, genug täte. dass ich immer noch weit unter nullinie liege und nicht mal das normale maß schaffe. das hatte und hat zur folge, dass ich oft völlig übers ziel hinausschiesse und mir einen großen zwischenmenschlichen stress verursache. wenn mir zum beispiel jemand etwas gutes tut oder was nettes sagt, kann ich es nicht nur schlecht annehmen, sondern es muss ein ausgleich meinerseits her, der weit über ursprüngliche geste hinaus geht – oder aber, ich unterlasse gleich jegliche beantwortung, weil ich sie eh nicht für ausreichend halte.
die lösung, so der podcast, liegt in einer haltungsänderung. nämlich der veränderung hin zu dem gedanken, dass man quasi qua geburt auf nulllinie liegt und dass das was man ist, wie man ist, gut und ausreichend ist. es gibt keinen bereich, ausser denen wo man aus freien stücken zb. aus ehrgeiz oder wettbewerbslust oder neugierde handelt, der unter dieser nulllinie ist. und jeder darf gerne für sich entscheiden ob er aus diesen gründen bei manchen themen immer über nulllinie ist – aber jeder der das nicht tut, rutscht nicht automatisch drunter, das ist der entscheidende zusatz. alles was ich gebe, was natürlich aus mir strömt, was ich gebe und nehme, ist gut und ausreichend. auch wenn es vielleicht dem gegenüber nicht reicht. das muss dann besprochen werden, das ist die grenze wo wachstum stattfinden kann und veränderung. aber nicht aus der haltung heraus, dass ich nicht reiche, sondern aus der haltung heraus ob ich bereit bin mehr zu geben und aus welchen motiven vielleicht auch nicht. dann kann begegnung auf augenhöhe stattfinden, auch weil zugewandtheit und liebe selbstlos sind und nicht den zweck erfüllen müssen vor sich selbst und anderen gut dazustehen.
die letzte fragestellung des podcastes war die frage nach der eigenschaft, die tatsächlich sehr stark und natürlich in einem vorhanden war oder ist und die aber nicht gut geheißen und früh unterbunden wurde. auch das eine spannende frage über die ich längere zeit nachdachte. und ulkigerweise fand ich die antwort in der einen eigenschaft, die genau konträr zu dieser art von perfektionsmus ist, die versucht wurde mir anzuerziehen: meine unkonventionalität. ich kann wunderbar in alle richtungen denken, ohne mich gross in gesellschaftliche konventionen zu verstricken. ich kann 5 grade sein lassen und denke recht wenig in kategorien und schablonen. menschen, die aus der art fallen und vielleicht auch aus gesellschaft kann ich gut annehmen wie sie sind und ich finde für fast alles eine lösung. „der kopf ist rund, damit das denken seine richtung ändern kann“ ist ein schnack, der mich ziemlich treffend beschreibt – gehts nicht linksrum, dann halt rechtsrum. ich kann fast sagen, in meiner unkonventionellen art zu denken und zu leben, bin ich perfektionistisch.
was fange ich nun damit an? ich denke am hilfreichsten im moment ist für mich die idee dieser nulllinie und die möglichkeit mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich schon reiche nur so wie ich bin. und alles andere ist ein zusatz an was auch immer, den ich leisten kann aber nicht muss. und dass ich aufhören darf, zu meinen ich sei nichts wert im gegensatz zu den leuten, deren perfektionismus man gut sehen kann. perfektionimus ist kein qualitätsmerkmal per se, es erhebt niemanden über einen anderen und macht ihn zu was besserem. und last but not least: meine unkonventiontionalität ist eine grosse stärke und eine grosse ressource, die nichts mit mangelndem perfektionismus zu tun hat.