Links 5. Januar 2026

Links 29. Dezember 2025

Songs 2025

Meine zehn Favoriten dieses Jahres; ohne besondere Reihenfolge.

Lana del Rey – Henry, come on

Lana singt vom Zwischenmenschlichen, so schön wie immer.

The Chills – If This World Was Made For Me

Sehr gefiel mir stets die neuseeländische Gruppe The Chills. Und dann bekam ich nicht mit, als ihr einziges dauerhaftes Mitglied Martin Phillips 2024 starb. Als Abschiedsgeschenk hinterließ er ein Album namens Spring Board – The Early Unrecorded Songs mit Songs, die teilweise seit den 1980ern existierten, aber – der Titel verrät es – nie aufgenommen wurden. Man hört ein letztes Mal den Sound der frühen The Chills. Erfreulich und zugleich traurig stimmend.

Horsegirl – Switch Over

Dafür, dass auf Gitarren basierende Musik schon vor dreißig Jahren für endgültig erledigt erklärt wurde (oder war’s vor vierzig?), wirkt sie weiterhin sehr lebendig, wie diese drei jungen Frauen zeigen.

Hatchie – Carousel

Finde toll, dass Hatchie als singende Songwriterin in ihrer Band nicht die Gitarre, sondern den Bass spielt. Musikalisch geht es in die frühen Indie-90er, aber nie als Pastiche. Dieses Jahr erst für mich entdeckt, obwohl schon drei Alben veröffentlicht.

L.A. Witch – Icicle

Bester Bandname. Klingen, als würde eine schlecht gelaunte Stevie Nicks bei The Cure singen.

Marinero – Sea Changes

Ich gestehe: ich habe keine Ahnung, wer Marinero ist. Ich könnte nachsehen. Aber wozu? Es reicht doch, dass dieses Lied mir viel Freude machte. Ein Hoch auf die Empfehlungs-Algorithmen!

Rosalía – Berghain 

Lux natürlich überall das Album des Jahres. Rosalías Musik hat sich in solche Höhen geschraubt, man kann das gar nicht mehr kategorisieren. Wussten Sie, dass sie einst in einer dieser Casting-Shows im spanischen Fernsehen abgelehnt wurde?

The Underground Youth – One Of The Dreamers

Just Like Honey von The Jesus & Mary Chain war eine Assoziation beim Hören dieses Stücks der mir im Jahr zuvor noch unbekannten Gruppe. Nicht zuletzt, weil es wie zähflüssiger Honig aus Lautsprecher oder Ohrhörer kommt. Ich sah ein Bandfoto und dachte: das sind so Leute, die auf Partys am Rande herumstehen und mit denen sich niemand zu reden traut.

Lilly Hiatt – Man

Countryeske Songs mit klagender Pedalsteel-Gitarre, damit kriegt man mich immer.

Dean Wareham – Reich der Träume

Altgedienter Recke mit stets gutem Geschmack, hier mit einer auf Deutsch gesungenen Version eines Stücks, das im Original 1981 Nico darbot .

Mundo Mendo Eins

Es dauerte lange von Bestellung bis Lieferung. Sehr lange. Das Warten hat sich gelohnt: die erste Ausgabe von Luis Mendos Mundo Mendo ist ein wunderschönes kleines Buch (in japanischer Taschenbuchgröße). Man möchte mit dem Lesen gar nicht anfangen, aus Angst, schon bald zur letzten Seite zu gelangen. Es enthält Zeichnungen und Texte mit Episoden und Weisheiten aus dem Leben eines Illustrators in Tokio.

Auf jeder Seite wird deutlich, dass dieses Buch ein Herzensprojekt ist. Im Selbstverlag veröffentlicht. Von jemandem, der etwas zu erzählen hat. Das ist so weit entfernt von KI-Slop und Dutzendware wie es nur geht.

»You don’t buy the book, you support the artist«, schreibt Luis Mendo. Man erhält also nicht nur ein Buch, sondern auch noch ein wohliges Gefühl.

Links 22. Dezember 2025

Lieblingslieder XXXIX: Teen Age Riot

Sonic Youth, 1988

Auf dem Cover vier Wörter: Sonic Youth Daydream Nation. Das Motiv: eine Kerze. Hinten noch eine Kerze. »By Gerhard Richter«. Wer das war? Wusste man nicht, konnte man auch nirgendwo nachsehen. Irgendein deutscher Typ? Ach, egal. Wichtiger war das Bild im Inneren des Doppelalbums. Da standen sie in einem nächtlichen Hinterhof, unter gelblichem Laternenlicht, das man selbst so ähnlich vielleicht schon mal im Frankreichurlaub gesehen hatte, aber nicht in New York, weil man da noch nie gewesen war: Kim, Lee, Steve und Thurston. Letzterer mit Sonnenbrille. Die Titel des Albums: Eric’s Trip, Kissability, Teen Age Riot. Das klang alles so beeindruckend wie die Band aussah. Weiter weg vom deutschen Musik-Mief, das war nicht möglich. Gern hätte man so Gitarre spielen können wie die beiden von Sonic Youth. Aber es gingen Gerüchte um: das sei unmöglich. Die Band würde ihre Instrumente nämlich eigenwillig umstimmen. Niemand wisse, auf welche Weise. Und man selbst hatte ja schon Schwierigkeiten, ein H-Moll zu greifen.

Sonic Youth sind heute Dad Rock. Musik für alte Leute. Irgendwann stellte man fest, dass es in New York auch nur so ist wie überall, bloß mit Hochhäusern. Und als der alternde Gitarrengott Thurston Moore, der mir immer zu viel Poserhaftes an sich hatte, Kim Gordon wegen einer jüngeren Frau sitzen ließ, war das irgendwie auch nur noch trostlos.

Mein liebstes Sonic-Youth-Mitglied, das war immer der, den mal jemand den George Harrison der Gruppe nannte: Lee Ranaldo.

Links 15. Dezember 2025

  • INTERTAPES is an updating collection of found cassette tapes from different locations.
  • DAF mit Als wär’s das letzte Mal und anschließendem Interview, 1981 bei »Bios Bahnhof«, samt 4-minütiger (!) Anmoderation. Das war ja Farbfernsehen und ist somit halbwegs in der TV-Moderne zu verorten. Trotzdem allein durch das Interesse eines Moderators an solchen Gästen heute wie aus einer anderen Welt wirkend.
  • The Subversive Hyperlink »The web has a superpower: permission-less link sharing.«
  • OpenCore Legacy Patcher Software, die es erlaubt, nicht mehr unterstützte Betriebssystem-Versionen auf älteren Macs zu installieren. Habe damit am Wochenende ein zehn Jahre altes Macbook wieder in Betrieb genommen. Das klappte, abgesehen von einem blöden Fehler, den ich beging, erstaunlich problemlos: das Gerät läuft wie am Schnürchen.

Weihnachtslieder im Juli

Wir fuhren auf der Schnellstraße von Tel Aviv nach Norden in Richtung Haifa. Gut möglich, dass man diese Straße inzwischen neu asphaltiert hat, oder sogar verbreitert. Das Ziel war Caesarea, wo man direkt am Meer römische Ruinen und die Überreste des Palasts des Herodes besichtigen kann. Draußen quälte die am Levantischen Meer immer etwas feuchte Hitze des Juli. Aber in dem Taxi, auf dessen Rückbank wir saßen, war es angenehm kühl.

Der Fahrer hatte sich am Morgen im Hotel vorgestellt und redete jetzt zwar viel, aber nicht so viel, dass es auf die Nerven gegangen wäre. Er war von dieser Art, die sich nicht geniert, in gebrochenem oder fehlerhaftem Englisch zu reden. Er war ein freundlicher Mann. Ich erfuhr etwa, was sein Bruder von Beruf war, dass in der Nähe von Caesarea ein eingewanderter reicher Russe wohltätig wirke, und dass in der Küstenstadt Netanja, deren Wohnviertel wie viele in dem Land ein bisschen wie aus dem Boden gestampft aussahen, eine große Zahl Französischstämmiger lebe. Sein Lieblingsthema waren die Immobilienpreise. Jeden strahlend weißen Neubau, der vorbeizog, und davon gab es einige, kommentierte er: »This house: five million dollars«, oder »Apartment over there: two million dollars«. Es klang ein wenig, als wäre er stolz auf diese Preise.

Wenn er nicht redete, klopfte der Mann mit den Fingern im Rhythmus auf dem Lenkrad und summte mit, was aus den Lautsprechern kam: amerikanische Weihnachtslieder. Oh, the weather outside is frightful, but the fire is so delightful, sang Dean Martin, let it snow, let it snow, let it snow. Und es erklang It’s the most wonderful time of the year.

Am Straßenrand war trockenes, gelbliches Kraut zu sehen, unter den niedrigen Bäumen da draußen würde man Zikaden hören. Es war ja Juli.

War der Taxifahrer exzentrisch? Oder hatte er bloß überhaupt keine Verbindung zu Weihnachten? Wussten Sie, dass diese Weihnachtsklassiker von jüdischen Komponisten geschrieben wurden? Ich nicht, und wenn er es wusste, war es ihm vielleicht ganz egal. Ich glaube, er mochte einfach diese Lieder.

Geduldig hatte der Taxifahrer gewartet, während wir die Ruinen besichtigten. Als wir das Gelände verließen, stand er neben seinem Fahrzeug an einem kleinen Strandkiosk und winkte. Ich erinnere mich gern an ihn, wenn ich in den Vorweihnachtstagen im Supermarkt oder weil jemand eine ironische Spotify-Liste abspielt, Let it snow höre.