Die Zirkelschluss-Gesellschaft: Die Republik der unkaputtbaren SätzeDie Zirkelschluss-Gesellschaft: Die Republik der unkaputtbaren Sätzeam 18. Januar 202618. Januar 202618. Januar 202618. Januar 2026 von gsohngsohnin MedienMedienHinterlasse einen KommentarHinterlasse einen KommentarWir leben in einem Lan..." /> Die Zirkelschluss-Gesellschaft: Die Republik der unkaputtbaren SätzeDie Zirkelschluss-Gesellschaft: Die Republik der unkaputtbaren Sätzeam 18. Januar 202618. Januar 202618. Januar 202618. Januar 2026 von gsohngsohnin MedienMedienHinterlasse einen KommentarHinterlasse einen KommentarWir leben in einem Lan..." />
Wir leben in einem Land, in dem fast alles kaputtgehen darf – nur nicht die Sätze, mit denen man es erklärt.
Die Brücke ist marode? „Komplexe Gemengelage.“ Bürgermeister Das Projekt implodiert? „Kommunikation war nicht optimal.“ #Merz Die Strategie wirkt wie ein Horoskop? „Wir müssen agiler werden.“ CEO Der Laden brennt? „Wir evaluieren die Lage fortlaufend.“ NATO-Generalsekretär
Das ist die Zirkelschlussgesellschaft: eine Kultur, die sich mit unkaputtbaren Formulierungen gegen die Wirklichkeit polstert. Sätze wie Airbags. Schön groß. Schön weich. Und so praktisch, dass man nach dem Crash sagen kann: Wir haben ja alles richtig gemacht – es war nur anders.
Die neue Staatsreligion: Dashboardismus
Früher hat man in Krisen gebetet. Heute klickt man. Und wenn die Kurve stimmt, stimmt auch der Charakter.
Das Dashboard ist die Kanzel der Gegenwart: Ampeln, KPIs, Inzidenzen, Balken – man sieht so viel, dass man vergisst, dass man gerade nur den Ausschnitt sieht, den man sich vorher gebaut hat. Zahlen sind super. Aber in der Zirkelschlussgesellschaft werden sie zu etwas anderem: zu moralischen Ausweisen.
„Die Zahlen sprechen für sich.“ Klar. Und der Toaster schreibt Gedichte.
Zahlen sprechen durch Definitionen, durch Auswahl, durch Messpraxis, durch das, was man nicht zählt, weil es die Story versaut. Wer „die Zahlen“ als Schlusswort benutzt, will meistens nicht erklären, sondern abwürgen.
Die Lieblingssätze der Bequemen
Wenn du wissen willst, ob du gerade in einer Diskussion bist oder in einer liturgischen Veranstaltung, hör auf diese Klassiker:
„Das ist alternativlos.“ Übersetzung: Ich will nicht, dass du Alternativen siehst.
„Das ist eben komplex.“ Übersetzung: Ich will nicht, dass du Kriterien verlangst.
„Wir müssen handlungsfähig bleiben.“ Übersetzung: Ich will handeln, ohne Rechenschaft darüber, woran wir Irrtum merken.
„Wer das kritisiert, ist verantwortungslos.“ Übersetzung: Ich will gewinnen, ohne argumentieren zu müssen.
Das ist keine Argumentation. Das ist Rhetorik mit Maulsperre.
Wenn beide Lager dich hassen…
Ein Alltagsmesser für Qualität im öffentlichen Streit:
Wenn nach einer Debatte gleichzeitig die Empörten von rechts und die Empörten von links auf dich losgehen, hast du nicht automatisch recht – aber du hast sehr wahrscheinlich eine bequeme Lüge verweigert.
Bequeme Sätze sind lagerkompatibel. Sie passen überall rein. Sie sind wie diese Einheitssoße, die in jeder Kantine gleich schmeckt: Du kannst dich dran nicht verschlucken, aber du wirst auch nicht satt.
Unbequeme Sätze haben Außenkanten. Die schneiden. Und deshalb schreien beide Seiten, weil beide Seiten lieber an ihren Gewissheiten nuckeln als an der Realität zu kauen.
Münchhausen als Betriebsanleitung
In Meetings, Talkshows und Ministerien läuft immer derselbe Film, wenn jemand die einzige relevante Frage stellt:
„Woran würden wir merken, dass wir falsch lagen?“
Dann gehen drei Türen auf:
Regress: „Dazu brauchen wir mehr Studien.“ (Vertagung in seriöser Verpackung)
Dogma: „Das ist unser Leitprinzip.“ (Stoppschild mit Moralrand)
Zirkel: „Das sieht man doch an den Zahlen.“ (Drehtür mit Excel-Anstrich)
Und zack: Die Frage ist weg, die Verantwortung auch. Übrig bleibt das Gefühl von Kompetenz. Das ist die eigentliche Ware: Kompetenzsimulation.
Der Airbag-Satz: Wachstum + Nachhaltigkeit + Profit + Liebe
Im Management ist es besonders komisch, weil da ständig so getan wird, als würde man steuern – während man in Wahrheit formuliert.
„Wir wachsen profitabel und nachhaltig.“ „Wir fokussieren uns auf Kernkompetenzen.“ „Wir werden agiler und kundenzentrierter.“ „Wir treiben Transformation mit Augenmaß.“
Das sind keine Strategien. Das sind Tugendlisten. Formuliert diese Sätze mal um am Gegenteiltag von SpongeBob, dann merkt Ihr, wie hohl diese Sätze sind. S
Und wenn es scheitert? Dann kommt die Zauberformel: „Wir waren noch nicht konsequent genug.“ Das ist Tautologie mit Karriereleiter: Egal was passiert, der Satz bleibt Chef.
Die moralische Lackschicht: Kritik = Charakterfehler
Die gefährlichste Entwicklung ist nicht die Zahl, nicht das Modell, nicht der KPI. Die gefährlichste Entwicklung ist, wenn man eine These so mit Moral umwickelt, dass jede Kritik wie ein Angriff auf Anstand wirkt.
Dann ist nicht mehr die Frage: „Stimmt das?“ Sondern: „Darf man das überhaupt fragen?“
Das ist der Moment, in dem öffentliche Debatte in Gesinnungsprüfung umkippt. Und Gesinnungsprüfungen sind die perfekte Umwelt für tautologische Sätze: Sie sind nicht falsifizierbar, aber maximal karrierefähig.
Der Tautologie-Scanner (für Leute, die noch denken wollen)
Kleiner Test, bevor du wieder nickst:
Was müsste passieren, damit der Satz falsch ist? Wenn „nichts“: Vorsicht.
Ist das „weil“ eine Begründung oder nur ein Spiegel? „Es ist richtig, weil es korrekt ist.“ – Drehtür.
Wird Kritik in Unmoral übersetzt? Wenn ja: Das ist kein Argument, das ist ein Panzer.
Kann ich die Buzzwords austauschen und es klingt immer noch wie Weisheit? „Innovation / Resilienz / Effizienz / Nachhaltigkeit“ – wenn alles passt, sagt der Satz oft nichts.
Warum das alles so gut funktioniert
Weil Irrtum heute wie Schuld behandelt wird. Und wer Schuld fürchtet, baut Sätze, die nicht irren können.
Tautologien sind die Komforttechnologie einer Kultur, die maximale Gewissheit bei minimaler Verantwortung will. Sie liefern den Kick von „wir haben’s im Griff“, ohne den Preis von „wir könnten danebenliegen“.
Der einzige Satz, der wirklich zählt
Wenn du nur einen Satz aus diesem Text behalten willst, nimm den:
Ein Satz, der nicht scheitern kann, ist kein Erkenntnissatz. Er ist ein Machtwerkzeug.
Ich schreibe darüber ein Buch: Die Zirkelschlussgesellschaft – Wie leere Wahrheiten Macht werden. Wenn du Beispiele hast aus deinem Alltag – die unkaputtbaren Sätze, die jede Diskussion töten – her damit. Ich sammle. Und ich verspreche: Wir machen sie kaputt.
Es ist unerquicklich, wie schnell man in Deutschland wieder bei Herkunft landet. Es genügt ein Kommentarstrang, ein falscher Ton, ein zu selbstverständliches „wir“, und schon fährt einer die Schranke runter. „Nur Deutsche dürfen über Deutschland reden“, schreibt eine junge Anwältin in Köln in eine Debatte, die mit Kriminalität und Flüchtlingen aufgeladen ist wie eine schlecht belüftete Kneipe. Meine verstorbene Frau, Serbin, im Rheinland geboren, doppelte Staatsbürgerschaft, perfekte Sprache, politische Wachheit, Counterspeech – sie wird angegangen, als wäre sie ein Gast im eigenen Land. Der Rest ist Mechanik: Erst das Widersprechen, dann das Schärferwerden, dann der Griff in die Schublade „ausländischer Name“, dann der Versuch, Zugehörigkeit zu entziehen, als sei sie eine Lizenz.
Und ich sitze daneben und merke, wie mein eigener Name in solchen Situationen wie eine Tarnkappe wirkt. „Sohn“ klingt für viele nicht nach Gefahr. Eher nach nordischer Folklore. In meinem Fall auch noch verstärkt: Gunnar Erik – fast wie ein Souvenir aus Schweden. Als ob man sich mit Buchstaben in Sicherheit bringen könnte.
Das ist der Moment, in dem die Familiengeschichte nicht mehr Privatsache ist. Nicht, weil ich irgendeine Abstammungs-Überlegenheit beweisen will, sondern weil ich nicht zulassen kann, dass Herkunft als Waffe herumgetragen wird, ohne dass man die Klinge sieht. Denn meine Klinge ist alt. Sie liegt in einer Mappe. Sie ist aus Papier. Und sie schneidet, wenn man sie aufklappt.
Ich habe diese Mappe lange wie andere Leute ein altes Fotoalbum behandelt: vorsichtig, gelegentlich, mit einer Mischung aus Respekt und Abwehr. Man weiß, dass man hineinschauen muss, und man weiß zugleich, dass man danach anders sitzt, anders spricht. Dann kam diese Kölner Kommentarspalte – und mit ihr die Einsicht: Wer sich heute „Vaterland“ auf die Zunge legt, soll hören, was dieses Wort in einer Familie bedeutet, deren Vaterland nicht sang- und klanglos war, sondern amtlich, nummeriert, gestempelt.
Ich habe mich an den Tisch gesetzt und die Blätter ausgebreitet.
Klebestelle: Vier Blätter, eine Uhrzeit
Vier Blätter. Ein Leben, das sich nicht als Erzählung überliefert hat, sondern als Registratur.
Geburtsurkunde, Frankfurt am Main, Dezember 1893.
Heiratsurkunde, Eggersdorf, Oktober 1927.
Taufschein, Berlin, August 1939.
Sterbeurkunde, Bendorf-Sayn, Mai 1942.
Dazwischen: Abwesenheit. Keine Briefe, kein Tagebuch, kein Nachlass, keine Einkaufszettel, keine Notizen. Ich beneide manchmal Familien, die Schubladen voller Handschrift haben, als wäre Vergangenheit ein gut sortiertes Lager. Bei uns ist sie ein Loch, das nur an den Rändern beschriftet ist.
Und doch: Diese vier Blätter reichen aus, um einen Sog zu erzeugen. Sie sind wie Koordinaten, die nicht erklären, aber verorten. Was sie geben, sind keine Gefühle – sie geben Orte, Daten, Rubriken. Und in den Rubriken lauert die Zeit.
Ich bleibe immer wieder an einer einzigen Uhrzeit hängen: 5 Uhr 30. Der Tod meines Großvaters, Wilhelm Sohn, ist auf die Minute beurkundet. Als sei ein Menschenleben eine Abfahrtszeit. Ich lese: 23. Mai 1942, 5 Uhr 30. Bendorf-Sayn, Hindenburgstraße 49. „In dieser Wohnung.“ Ich höre beim Lesen keine Wohnung, ich höre eine Anstalt, ein überfülltes Haus, einen Ort, an dem Menschen „untergebracht“ werden. Aber das Formular sagt Wohnung. Es sagt es so, als wäre das Normalität. Papier kann Normalität simulieren, selbst dort, wo sie vernichtet wird.
Dann lese ich weiter und stoße auf das zweite Messer in diesem Blatt: Im Namen steht ein Zusatz, den mein Großvater nie geführt hat. Ein Zwangsvorname. Ich weiß, warum er dort steht. Ich weiß, dass er nicht „dazugehört“. Und doch steht er da – amtlich, glatt, als sei er schon immer da gewesen. Genau so funktioniert Herrschaft: Sie schreibt sich in die Oberfläche, bis sie wie Natur aussieht.
Und gleich daneben eine Zeile, die mich jedes Mal wütend macht: „ohne Beruf“. Als wäre da nichts gewesen. Keine Arbeit, kein Können, keine Rolle, keine Würde. Das Formular entzieht ihm den Beruf, so wie das Regime ihm zuvor den Besitz, die Beweglichkeit, die Luft entzogen hat. Ich lege das Blatt weg und merke: Ich schreibe dieses Buch gegen diese Zeile.
Klebestelle: Frankfurt – Neue Zeil 29
Die Geburtsurkunde ist der hellste Fleck in diesem Bündel. Nicht, weil sie glücklich wäre, sondern weil sie noch nicht unter der späteren Sprache steht. Frankfurt am Main. Neue Zeil 29. Der Vater: Kaufmann Emil Samuel Sohn. Ich sehe meinen Urgroßvater nicht – ich sehe eine Berufsbezeichnung, eine Adresse, eine städtische Topografie. Und ich merke, wie sehr ich an Adressen glaube, seit ich Akten lese: Eine Adresse ist der Beweis, dass jemand Platz in der Welt hatte.
Neue Zeil. Ein Name wie ein Versprechen: neu. Ich stelle mir die Geräusche vor, die man in Registerzeilen nicht findet: Schritte, Kutschen, später Straßenbahn, das Klappen von Ladentüren, Papiergeruch, Tinte. Und ich stelle mir die kleine Selbstverständlichkeit vor, die man 1893 noch hat: Dass ein Kind geboren wird und der Vater es beim Standesamt anzeigt, als sei die Welt ein Ort, der dieses Kind tragen wird.
Dann schaue ich auf das Datum der Abschrift, die später ausgestellt wurde, Jahre nach der Geburt. Irgendwann braucht man eine beglaubigte Kopie. Papier wird zur Eintrittskarte. Nicht mehr nur für die eigene Lebensorganisation, sondern für die Verwaltung der Zugehörigkeit. Ich lerne: Eine Kopie ist nie nur Kopie. Sie ist ein Hinweis darauf, dass eine Zeit begonnen hat, Menschen nach Dokumenten zu sortieren.
Klebestelle: Danielsberg in Kärnten – die falsche Fluchtrichtung
Der Sprung von Frankfurt nach Brandenburg und weiter nach Kärnten wirkt auf den ersten Blick wie ein normaler Lebenslauf: Familie, Heirat, Unternehmung, Land, Gasthof, Arbeit. Mein Großvater ist nicht als Symbol geboren worden. Er ist als Mensch geboren worden, der Dinge tut: kaufen, verkaufen, bewirten, anbauen, verwalten. Ein Leben mit Rechnungen, Lieferungen, Jahreszeiten.
Und dann kommt 1933. Und dann 1936 die Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Nicht in die Schweiz – das ging kaum. Nicht nach England – auch schwierig. Also dorthin, wo Deutsch gesprochen wird und man sich noch bewegen kann: Österreich. Danielsberg, Kärnten. Herkuleshof. Ein Hotelbetrieb in der Höhe, ein Bergsee, eine Landschaft, die den Blick beruhigt. Ich kenne Fotos, die alles sagen, was idyllische Oberfläche sagen kann: Lederhose, Sonne, Bergluft. In Familienfotos ist die Katastrophe nie im Bild. Sie steht außerhalb des Rahmens und wartet.
1938, der Anschluss. Und dann das, was ich beim Recherchieren kaum ertragen konnte: die Geschwindigkeit. Enteignung nicht als schleichendes Verfahren, sondern als Sprint. Eine Kärntnerin, Maria Paulitsch, stößt ein Arisierungsverfahren an, das so schnell durchläuft, als hätte es nur darauf gewartet. Eigentum wechselt die Hand, und die Hand, die es bekommt, wirkt in der Akte nicht wie Diebstahl, sondern wie Verwaltung. Die Sprache der Nachgeschichte macht es später noch glatter: In einer Dorfchronik steht dann „Wechsel der Eigentümer nach den Umständen der Zeit“. Ein Satz, der sich selbst wie ein Seufzer tarnt und doch eine ganze Schuld in Watte packt.
Ich lese diesen Satz und spüre, dass mein Buch auch gegen solche Sätze geschrieben wird. Gegen die höfliche Lüge.
Klebestelle: Dachau – das Loch
Früh 1939 kommt mein Großvater nach Dachau. Das ist in meiner Familienüberlieferung kein Kapitel, sondern eine Leerstelle. Es gibt keine Krankenakte, keine Briefe, kein „So war es“. Es gibt nur die Erzählung: Er kam zurück, körperlich und psychisch verändert, ausgehungert, „nur noch ein Skelett“, sagt meine Großmutter später. Diese Worte haben die Schärfe von Dingen, die man nicht literarisch erfindet.
Wenn ich über Dachau schreibe, schreibe ich gegen das, was mir fehlt. Und doch ist das Fehlen selbst ein Befund: Dem Regime gelingt nicht nur die Gewalt, ihm gelingt auch die Zerstörung der Spuren. Es bleibt eine Art Negativabdruck: Ein gesund wirkender Mann auf einem seltenen Foto – und wenige Jahre später die Zeile „ohne Beruf“ und die Diagnose, die wie ein Etikett an ihm hängt.
Ich weiß nicht, was genau zwischen 1939 und 1941 medizinisch geschieht. Ich weiß nur: Dass „nicht behandeln“ eine Form von Behandlung ist. Eine Behandlung im Sinne der Zerstörung.
Klebestelle: Berlin-Wedding – „freiwillig“
Dann liegt dieses andere Blatt vor mir, das nicht Tod beurkundet, sondern Verschiebung: „Anmeldung“, Jacoby’sche Anstalt Sayn, 17. September 1941. Herkunft: Berlin N, Lottumstraße 13. Gesundheitsamt Wedding. Aufnahme als „freiwilliger Pensionär“. Diagnose: Taboparalyse.
Ich bleibe an „freiwillig“ hängen. Es ist ein Wort aus einer normalen Welt. In einer normalen Welt bedeutet es: Entscheidung, Willen, Vertrag. In dieser Zeit bedeutet es: eine Verwaltungssprache, die Zwang als Formalität verkleidet. „Freiwillig“ ist die weiße Bluse über dem Schlag.
Taboparalyse: ein Begriff, der sich wissenschaftlich anhört und damit gefährlich beruhigt. Denn die Diagnose kann stimmen und trotzdem Teil einer Maschinerie sein. Ich habe in Koblenz Akten gelesen, viele, zu vielen Menschen, und ich habe gesehen, wie Gutachten klingen, wenn sie nicht heilen wollen, sondern verwalten, entmündigen, sterilisieren. Zwangssterilisation, Unfruchtbarmachung, Erbgesundheitsgerichte – es ist ein Papieruniversum, das sich mit Unterschriften legitimiert. Und es hat eine besondere Perfidie: Es kann sich als „Medizin“ ausgeben.
Dann kommt die zweite Ebene: der Erlass vom 10. Dezember 1940, der alle jüdischen „Geisteskranken“ Deutschlands in Sayn konzentrieren lässt. Eine Einrichtung für etwa achtzig Patienten wird auf achthundert, neunhundert aufgebläht. Das ist nicht „Überbelegung“. Das ist eine Sammelstelle. Ein Knoten. Ein Ort, der im Schatten großer Namen liegt und gerade deshalb erzählt werden muss.
Klebestelle: Sayn – Hindenburgstraße 49
Ich war dort. Ich kenne das Gebäude. Ich kenne die Schönheit, die noch in der Architektur steckt. Und ich kenne die Überlagerung: Wie etwas „schön“ sein kann und doch ein Ort der Vernichtung. Solche Orte sind die schlimmsten, weil sie der Fantasie die Fluchtwege nehmen. Man kann sich nicht damit beruhigen, dass „es“ dort bestimmt offensichtlich gewesen sei. Es ist nicht offensichtlich. Es ist alltäglich. Es ist ein Haus. Es hat Treppen. Es hat Fenster.
Ich lese Zeugnisse von Pflegerinnen, Berichte über beschlagnahmte Pelze, über improvisierte Wärme, über das Zusammendrängen von Menschen, über Angst und eine verzweifelte Lebenslust. Ich lese von Menschen, die Gedichte kilometerlang aufsagen können – tonlos, auswendig. Und ich denke unwillkürlich: Vielleicht saß mein Großvater unter ihnen. Vielleicht war er nicht „weg“, nicht „verschwunden“, sondern hellwach in einer Welt, die ihn ausradieren wollte.
Dann lese ich, wie penibel Behörden noch 1941 prüfen, ob „feuerpolizeiliche Vorschriften“ eingehalten werden. Die Vernichtung hat Brandschutz. Sie hat Stempel. Sie hat Formblätter. Das ist der Punkt, an dem das Wort „banal“ nicht mehr tröstet, sondern anklagt: Die Normalität der Abläufe ist Teil des Verbrechens.
Und dann wieder diese Uhrzeit: 5 Uhr 30. Mai 1942.
Ich weiß: Anfang 1942 beginnen die Deportationen. Ich weiß: Mein Großvater stand für den zweiten Transport auf der Liste, Juni 1942, Sonderzug, tausend Menschen, Lützel, Köln, Düsseldorf, weiter nach Lublin. Die Reichsbahn notiert Abfahrten, die Gestapo stellt Begleitmannschaften, Vermögenserklärungen werden „noch übersandt“. Eine Reise, die im Formular „Evakuierung“ heißt.
Mein Großvater stirbt kurz davor. Es ist, als würde die Maschine ihn nicht mehr brauchen – oder als wäre sein Körper schon vorher von der Maschine zermahlen worden. Ich kann nicht schreiben, er „entging“ dem Transport. Das wäre eine falsche Grammatik. Er entging nur der Fahrkarte.
Klebestelle: Franz in London
Die Familie hat eine Nebenlinie, die überlebt. Mein Großonkel Franz und seine Frau Else gehen nach London. Dafür wird Geld zusammengekratzt. Eine Familie teilt Ressourcen nicht nach Fairness, sondern nach Möglichkeit: Wer rauskommt, soll raus. Wer drin bleibt, bleibt. London wird zum Rettungsraum, nicht zur Heimat. Mein Großonkel stirbt relativ früh, Else lebt lange. Ich war Ende der siebziger Jahre dort, vier Wochen. Ich erinnere mich nicht an große Sätze, sondern an eine andere Art von Alltag: Tee, Straßen, eine gewisse Zurückhaltung, die zugleich Schutz ist, viele Gespräche mit jüdischen Emigranten aus Deutschland im Bridge-Club meiner Großtante.
London ist in meinem Buch nicht „Happy End“. Es ist der Beweis, dass Geschichte an Zufällen hängt – und an den brutalen Grenzen, die Staaten setzen.
Klebestelle: Dieter, 1957, Handschrift
Dann die nächste Generation: mein Vater Dieter, geboren 1929. Misch-Ehe, evangelische Mutter, jüdischer Vater. Das Regime führt dafür eigene Kategorien, als wären Menschen chemische Mischungen. Mein Vater darf keine Ausbildung machen. Das ist eine stille Form der Gewalt: nicht schlagen, sondern Wege versperren. Man nimmt einem Kind die Zukunft, und das ist kein Nebenschaden, sondern Absicht.
Ende des Krieges wird er schwer verletzt. Dann Schweden: ein knappes Jahr bei einer Gastfamilie. Die Sprache, die Gastfreundschaft, die Erfahrung, dass ein anderes Land nicht automatisch Feind ist. Daraus entsteht später mein Name. Gunnar Erik. Nicht, weil ich mich als Schwede fühle, sondern weil mein Vater in Schweden etwas erlebt hat, das man in Deutschland 1945 selten erlebt: eine Form von Aufatmen.
1957 schreibt er einen Lebenslauf. Kein literarischer Text. Aber für mich ist er ein Dokument des Nachkriegs: die Art, wie ein Mensch sich in einem Satz zusammenfaltet, damit Behörden ihn akzeptieren. Ich lese diese Handschrift und merke: Sie ist das Gegenteil der Sterbeurkunde. Hier spricht ein Ich. Dort spricht das Formular.
Und ich merke: Mein Buch muss beide Stimmen gegeneinander halten. Nicht, um eine zu widerlegen, sondern um zu zeigen, was Verwaltung mit Leben macht.
Klebestelle: „Umstände der Zeit“ – und mein eigenes Motiv
Es gibt in Kärnten eine Dorfchronik, in der die Enteignung meiner Familie mit einem Satz zugedeckt ist: „nach den Umständen der Zeit“. Ich habe mir vorgenommen, diesen Satz nicht stehen zu lassen. Ich will eine Lesung in Kolbnitz. Ich will, dass man diesen Satz ersetzt durch einen, der die Dinge beim Namen nennt. Wenn sie es nicht ändern, lese ich trotzdem. Notfalls im Café. Notfalls am Herkuleshof. Es geht nicht um Rache. Es geht um Grammatik. Die Nachgeschichte darf nicht so tun, als sei Diebstahl Wetter gewesen.
Denn das ist die Verbindung zur Gegenwart, zu der Kölner Anwältin, zu all den Leuten, die heute wieder „Deutschland“ sagen, als wäre es ein Erbstück. Ich frage mich: Auf welches Vaterland soll ich stolz sein? Auf das, das meinem Großvater einen Zwangsvornamen aufdrückt und ihn „ohne Beruf“ sterben lässt? Auf das, das Transportlisten schreibt und die Reichsbahn pünktlich fahren lässt? Auf das, das nachher „Umstände der Zeit“ sagt?
Wenn ich schreibe, dann nicht, um eine Familienlegende zu pflegen. Ich schreibe, um eine Gegenrede zu bauen – gegen das Wiederauftauchen der alten Sätze in neuen Kommentarfeldern.
Ich habe lange geglaubt, eine Familiengeschichte müsse linear sein: Ahnentafel, Generationen, sauber. Aber meine Materialien sind nicht sauber. Sie sind zerrissen, verstreut, amtlich, brüchig. Also muss die Form es auch sein: Montage, Umordnung, Klebestellen.
Ich arbeite wie jemand, der am linken Rand eines Blattes neu ansetzt: Ausschnitt aus einer Urkunde, daneben eine Erinnerung, daneben eine Recherchepassage, daneben ein Satz aus der Gegenwart. Nicht, um Unordnung zu stiften, sondern um Ordnung beweglich zu halten. Die Umordnung ist die Erkenntnis.
Ich will nicht das „Betriebsgeheimnis“ sichtbar machen, indem ich Überschriften ausstelle wie Schilder. Im fertigen Text sollen diese Randmarken verschwinden, so dass nur noch der Fluss bleibt – aber ein Fluss, der aus vielen Zuflüssen besteht.
Dieses Buch soll ein offenes Kunstwerk sein, nicht im Sinn von Beliebigkeit, sondern im Sinn von Erweiterbarkeit: Neue Dokumente werden auftauchen, neue Akten werden auffindbar sein, neue Stimmen werden sich melden. Ich will eine Form, die das nicht als Störung empfindet, sondern als Prinzip.
Klebestelle: Auftaktbild – ein Mensch, den man nicht mehr kennt
Wenn ich an meinen Großvater denke, sehe ich nicht zuerst den Menschen, sondern das, was von ihm übrig blieb: eine Sterbeurkunde. Ich sage das nicht, um dramatisch zu sein. Es ist buchstäblich so. In vielen Familien ist das Foto die letzte Instanz. Bei uns ist es ein Formular.
Und genau deshalb muss ich ihn aus dem Formular herauslösen. Ich muss ihn aus „ohne Beruf“ zurückholen. Ich muss ihm sein Leben wiedergeben, nicht indem ich es erfinde, sondern indem ich die Welt rekonstruiere, in der es stattfand: Brandenburg, Gasthof, Landwirtschaft, Danielsberg, Anschluss, Enteignung, Dachau, Berlin, Wedding, Sayn, Hindenburgstraße 49.
Die Akte macht aus dem Menschen einen Fall. Ich will aus dem Fall wieder einen Menschen machen – und aus der privaten Geschichte eine öffentliche Erzählung, die der Gegenwart widerspricht, wenn sie wieder ihre Schranken ausfährt.
Denn wenn ich eines gelernt habe beim Lesen dieser Blätter, dann das: Man kann Geschichte nicht neutral erzählen. Neutralität ist oft nur die schönere Verpackung der alten Formeln. Ich schreibe, weil ich nicht will, dass die Formeln gewinnen.
Wie daraus ein Buch wird
Erste Skizze:
Kapitel 1: „Hindenburgstraße 49“ – eine dichte Montage um den Todeseintrag (5:30) als Einstieg, mit Rückblenden in Frankfurt/Berlin.
KI, Cybersecurity und hybride Arbeit sind im Mittelstand längst keine Zukunftsthemen mehr, sondern operative Baustellen – mit unmittelbaren Folgen für Infrastruktur, Prozesse und Wettbewerbsfähigkeit. Genau hier setzt die KOMI Zukunftswerkstatt am Donnerstag, 5. Februar, in Stuttgart an. Im begleitenden Smarter-Service-Talk skizziert Benjamin Springub (KOMI Group) das Ziel der Veranstaltung: Orientierung geben – aber so, dass es im Alltag funktioniert.
„Unsere DNA als KOMI Group liegt im Mittelstand. Wir wissen, was Mittelstand treibt und sprechen die gleiche Sprache“, sagt Springub. Impulse bedeuten für ihn nicht Leitbilder, sondern umsetzbare Handgriffe: „Impulse heißt: verstehen, was derzeit in IT und Digitalisierung passiert, vor allem bei Cybersecurity und KI, und daraus Orientierung für den Mittelstand ableiten.“ Dazu gehören ganz konkrete Fragen wie: „Wie setze ich Copilot ordentlich ein, wie unterstützt mich Copilot dabei, mit Agents zu agieren.“
KI trifft Maschinenraum: Infrastruktur wird wieder zum Thema
KI dürfe nicht als reines Software-Feature missverstanden werden. Der Druck gehe „bis in den Maschinenraum“ – also in Hardware, Server-Infrastrukturen und WLAN. Wer KI nur als Lizenz- oder Toolfrage diskutiert, investiere schnell am Engpass vorbei.
Managed Services als Kapazitätshebel
Beim Thema Managed IT argumentiert Springub nicht mit Kostensenkung, sondern mit der Realität vieler Betriebe: fehlende IT-Bandbreite und ein Markt, der sich rasant dreht. „Viele Mittelständler haben gar nicht die Kapazität – vom Know-how, vom Skill –, die Bandbreite zu bedienen, weil der Markt sich viel zu schnell bewegt“, sagt er. Der betriebliche Effekt: IT-Komplexität an Partner geben, die sie beherrschen – und im Unternehmen selbst wieder Fokus auf das Kerngeschäft gewinnen. „Mit dem richtigen Partner das in die richtigen Hände geben, um dann sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.“
Zielgruppe für Managed IT sind Unternehmen zwischen 50 und rund 500 Mitarbeitenden – also genau jene Größenordnung, in der IT längst geschäftskritisch ist, Spezialteams aber oft fehlen. Springub beschreibt das mit einem Augenzwinkern: Häufig gebe es „jemanden, der IT mitmacht“.
Corona und Digitalpakt Schule als Turbo für Medientechnik
Den Schub bei Präsentations- und Medientechnik führt Springub auf zwei Katalysatoren zurück: Schule und Pandemie. „Corona, insbesondere im schulischen Bereich, hat für einen sehr großen Push gesorgt. Digitalpakt Schule hat hier sehr, sehr gut funktioniert. Jetzt wird das revitalisiert“, so Springub. In Unternehmen habe Corona den Druck erhöht, hybride Zusammenarbeit stabil zu organisieren – und damit den Besprechungsraum zum Produktivitätsfaktor gemacht.
Werkstatt statt Messe – plus Netzwerkbus
Die Zukunftswerkstatt setzt auf zwei gleichwertige Bühnen: ein ZukunftsForum für Strategie und Einordnung sowie eine LösungsWerkstatt für Praxis. Dort sind unter anderem Live-Hacking und konkrete Copilot-Anwendungen angekündigt – „anfassbarer“, wie Springub sagt: „Das eine ist, über Security zu sprechen, das andere ist: gib mir doch mal ein Beispiel, was passiert da.“
Seit Jahrzehnten verfolge ich ein Phänomen, das jedem Prognosemodell der VWL den Rang abläuft: Nicht die Konjunktur macht die Menschen optimistisch – oft ist es umgekehrt. Erst eine aufgehellte Stimmung ist der Antriebsmotor für die Volkswirtschaft. Wer das ernst nimmt, muss sich heute weniger über einzelne Quartalszahlen wundern als über die wachsende Kluft zwischen öffentlicher Rhetorik und gelebter Erfahrung.
In den Kommentaren zur ersten Veröffentlichung fiel nun ein treffender Hinweis: Goodharts Gesetz. Sobald eine Kennzahl zur Zielgröße wird, verliert sie ihren Informationswert. Das gilt für Geldmengen in der Zentralbankpraxis ebenso wie für „Stimmung“ im politischen Betrieb. Wer Stimmungen managen will, sorgt häufig dafür, dass sie unkenntlich werden – weil Menschen spüren, dass hier nicht mehr verstanden, sondern gesteuert werden soll. Aus dem Seismografen wird ein Instrument der Kulisse.
Die Selbständigen als Frühwarnsystem – und warum sie gerade nicht an „Aufbruch“ glauben
Man sieht das gerade exemplarisch bei den Soloselbständigen und Kleinstunternehmen. Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex ist im Dezember auf -23,7 Punkte gefallen; sowohl Lagebeurteilung als auch Erwartungen verschlechterten sich. Dazu kommt ein Wert, der in der politischen Debatte viel zu selten vorkommt, aber ökonomisch alles erklärt: Unsicherheit. 34,3 % der Befragten fällt es schwer, die eigene Geschäftsentwicklung vorherzusagen – deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft (23,8 %).
Und die Erwartungen für 2026 sind ein Konzentrat dieser Nervosität: 35,3 % rechnen mit einer Verschlechterung, nur 14 % mit einer Verbesserung; der Rest erwartet Stillstand. Das ist keine „schlechte Laune“. Das ist die nüchterne Bilanz von Menschen, die jeden Monat beweisen müssen, dass ihre Rechnung aufgeht.
Wolf Lotter: Der Verdacht, dass es „oben“ egal ist – und warum das so toxisch wirkt
Wolf Lotter reagierte auf meine erste Veröffentlichung mit einem Satz, der hängen bleibt, weil er nicht wirtschaftlich, sondern politisch-psychologisch ist: der Verdacht, es sei dem Bundeskanzler „völlig wurscht“ – und eine schlechte Lage für Selbständige manchen in der Politik womöglich sogar recht.
Tja, ich fürchte nur dass das. @bundeskanzler völlig wurscht ist. und eine schlechte Lage für Selbständige ist @larsklingbeil nur recht.
Ob man diese Zuspitzung teilt oder nicht: Sie trifft einen Nerv. Lotter argumentiert seit langem gegen die reflexhafte Abwertung von Selbständigkeit und verweist auf die kulturelle Schieflage, in der Selbständige schnell als Problem, selten als produktive Infrastruktur der Gesellschaft gesehen werden. Genau diese Wahrnehmung – „wir sind unsichtbar“ – findet sich inzwischen auch organisiert wieder: Der VGSD warnt mit Blick auf 2026 vor einem möglichen „stillen Sterben“ kleiner Unternehmen und fordert Reformen bei Statusfeststellung, Beitragsbemessung, Aktivrente und privater Altersvorsorge.
Das ist die Stelle, an der Stimmung und Konjunktur sich berühren: Wenn eine große Gruppe wirtschaftlich relevanter Akteure den Eindruck gewinnt, politisch nicht vorzukommen, wird aus Vorsicht Investitionsverzicht – und aus Investitionsverzicht wird Wachstumsschwäche. Nicht, weil jemand „pessimistisch sein will“, sondern weil die Zukunft in der Kostenrechnung keinen Rabatt kennt.
Welchering und die Barmer: Wenn Systeme Vertrauen verbrauchen
In dieselbe Kerbe schlägt ein X-Posting von Peter Welchering, der mit seiner Krankenkasse um Hilfsmittel streitet, um trotz Schwerhörigkeit weiter lehren zu können – und die Ausflüchte der Bürokratie als „atemberaubend“ beschreibt.
Meine Barmer mag mich ja nicht mehr, seit ich in einer Spardiskussion darauf hinwies, dass sich mir das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden von mehr als 350.000 Euro im Jahr (2024) nicht erschließe. Bei den gesetzlichen Krankenkassen haben wir ein ähnliches Problem wie beim ÖRR. Die… https://t.co/05sgJGo9Su
Hier geht es nicht um Einzelfälle als Anekdote, sondern um ein strukturelles Muster: In einem System, das Solidarität verspricht, aber in der Praxis oft wie Zuständigkeits-Schach wirkt, wird Vertrauen zur Mangelware.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Meine Krankenkasse mag mich – so mein Eindruck – spätestens seit meinen Fragen zur Leistungsfähigkeit dieser Organisation nicht mehr. Welchering ging der bei der Barmer noch der Frage nach, was ein Vorstandschef so nach Hause bringt. Allein die Grundvergütung lag 2024 bei 351.805 Euro, die Gesamtvergütung bei 358.957 Euro. Das ist nicht „Skandal“ um des Skandals willen. Es ist eine Frage der Proportionen – und der Signale, die ein System an seine Beitragszahler sendet.
ÖRR-Problem im Gesundheitswesen: Fragmentierung plus Selbstbedienungsanreize
Bei den gesetzlichen Krankenkassen zeigt sich eine Struktur, die man sonst aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kennt: Viele Einheiten, Monster-Gremien, schwer durchschaubare Verantwortung – und oben eine Vergütungslogik, die sich erstaunlich gut gegen den Alltag der Versicherten immunisiert.
Ein Blick auf die nackten Zahlen ist ernüchternd:
Brutto-Verwaltungs- und Verfahrenskosten (2024): 15,98 Mrd. Euro
Erstattete Verwaltungskosten: 3,35 Mrd. Euro
Netto-Verwaltungskosten: 12,63 Mrd. Euro
Persönliche Verwaltungskosten: 10,80 Mrd. Euro
Beschäftigte insgesamt (ohne Eigenbetriebe): 132.250
Und zur Struktur: Der GKV-Spitzenverband weist für 01. Januar 2026 noch 93 gesetzliche Krankenkassen aus!!!!! Der Gesetzgeber erlaubt pro Kasse Vorstände von bis zu zwei Personen (bis 500.000 Mitglieder) bzw. bis zu drei Personen (darüber).
Hefte raus: Selbst wenn nur ein Teil der Kassen mehrköpfige Vorstände hat, landet man rasch jenseits des Zahlenraums bis 100. Und selbst wenn man die genaue Summe nicht zentral ausgewiesen bekommt: Die Möglichkeitsstruktur ist eindeutig – viele Apparate, viele Spitzen, viele Schnittstellen. In so einem System entsteht Dysfunktion nicht erst durch bösen Willen, sondern durch Reibungsverluste, Zielkonflikte und eine Kultur, die sich an internen Regeln wärmt, während draußen die Versicherten frieren.
Was das für Selbständige heißt: Bedingungen statt PR
Genau hier schließt sich der Kreis zur „Stimmung“. Wer Selbständigen 2026 „Aufbruch“ erzählt, ihnen aber gleichzeitig ein Sozialabgaben- und Bürokratielabyrinth zumutet, betreibt Stimmungspolitik – und zerstört damit die Stimmung als Information.
Für Selbständige heißt eine ernst gemeinte Wende:
weniger Ungewissheit (Statusfeststellung entkrampfen, Scheinselbständigkeitsangst reduzieren),
weniger Schikanen (verständliche Verfahren, klare Fristen, echte Rechtsklarheit),
tragfähigere Sozialabgaben-Logik (Beitragsbemessung, die Einkommen realistisch abbildet – nicht willkürlich volatil),
realistischere Finanzierungskanäle (Kreditzugang, Garantien, weniger Hürden),
und erst danach Kommunikationskampagnen über „Zuversicht“.
Denn Zuversicht ist kein Plakat. Sie ist ein Nebenprodukt verlässlicher Institutionen. Und wenn Goodhart recht hat – und er hat oft recht –, dann gilt: Sobald Politik versucht, „Stimmung“ als Zielgröße zu optimieren, verliert sie die Fähigkeit, Stimmung als Frühindikator zu lesen.Dann bleibt nur noch: Zynismus. Und der ist, ökonomisch betrachtet, eine sehr teure Ressource.
Es gibt Indizes, die tun so, als seien sie Thermometer. In Wahrheit sind sie eher Wetterkarten: Sie zeigen nicht nur Temperatur, sondern Windrichtung, Luftdruck, Gewitterneigung – kurz, das Klima einer Lage. Wer Konjunktur verstehen will, muss deshalb lernen, zwischen den Zahlen zu lesen: Nicht jede Zahl ist ein Faktum, manche sind eine verdichtete Erwartung. Und Erwartungen sind in der Wirtschaft kein Beiwerk, sondern ein Antrieb.
Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex für Selbständige ist so ein Instrument. Er misst nicht die „große“ Industrie, nicht die exportierenden Flaggschiffe, sondern jene kleinteilige Ökonomie, in der die Entscheidungen häufig unmittelbarer sind: Soloselbständige, Kleinstunternehmen, weniger als neun Beschäftigte – stark dienstleistungsgeprägt, nah am Kunden, nah an der Liquidität. Seit August 2021 wird dieses Segment gesondert erfasst.
Die jüngsten Werte sind unerquicklich klar: Mehr als ein Drittel (35,3 %) erwartet 2026 eine Verschlechterung der eigenen wirtschaftlichen Lage; nur 14 % rechnen mit besseren Geschäften als 2025; 50,7 % erwarten Stillstand. In der Gesamtwirtschaft ist der Pessimismus geringer: 26,1 % erwarten schlechtere, 14,9 % bessere Geschäfte.
Der Satz der ifo-Expertin Katrin Demmelhuber bringt das Ergebnis auf eine Formel: „Die Selbständigen starten mit mehr Sorge als Zuversicht in das neue Jahr.“
Sorge hat eine Struktur
Sorge ist nicht einfach „schlechte Laune“. Sie hat eine Struktur, und diese Struktur ist in den Daten sichtbar. Der Index sank im Dezember auf −23,7 Punkte, nach −19,8 im November: ein Rückschritt zum Jahresende 2025, getragen von schlechteren Lageurteilen und schlechteren Erwartungen.
Noch bedeutsamer als der Stimmungswert ist jedoch ein Begleitsymptom: Ungewissheit. 34,3 % der Selbständigen fiel es schwer, die eigene Geschäftsentwicklung vorherzusagen; im November waren es 32 %. In der Gesamtwirtschaft lag der Anteil im Dezember bei 23,8 %.
Hier zeigt sich ein Kernproblem unserer Zeit: Nicht nur, dass viele Erwartungen negativ sind – sie sind auch unsicher. Wo Unsicherheit steigt, sinkt die Bereitschaft, Risiken einzugehen. In der kleinteiligen Wirtschaft bedeutet das ganz konkret: weniger Investitionen, weniger Einstellungen, mehr Aufschub.
Und dieser Aufschub bekommt, wie so oft, ein finanzielles Gesicht: 47,6 % der Selbständigen melden Schwierigkeiten beim Kreditzugang (Q4, nach 45,1 % in Q3). Gleichzeitig führen nur 10,9 % überhaupt Kreditverhandlungen – gegenüber 26,3 % in der Gesamtwirtschaft. Das ist die stille Klemme: Wer kaum verhandelt, ist entweder zu klein, zu vorsichtig – oder zu entmutigt, um den Versuch zu machen.
Die Parallele zur Allensbach-Frage
An dieser Stelle wird der Anschluss an Ihre Allensbach-Analyse sichtbar. Dort wird seit 1949 zum Jahreswechsel gefragt: „Sehen Sie dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ – eine einfache Frage, die in ihrer Schlichtheit mehr über Handlungsbereitschaft verrät als mancher Modelllauf.
Ihre jüngste Auswertung beschreibt für 2026 ein Land im Zwischenlicht: 33 % Hoffnungen, 29 % Befürchtungen, 29 % Skepsis, 9 % unentschieden. Das Entscheidende ist dabei weniger die reine Befürchtung als der gleich große Block der Skepsis: nicht Angst, sondern zähes Zögern.
Genau dieses Zögern erscheint nun im Mikrokosmos der Selbständigen in zugespitzter Form. Die Selbständigen sind – stärker als die Durchschnittsbevölkerung – in einer Lage, in der „Hoffnung“ sofort zur Entscheidung werden muss: einen Auftrag annehmen, einen Vertrag verlängern, eine Software anschaffen, einen Kredit aufnehmen, eine zusätzliche Kraft bezahlen. Wenn hier das Klima kippt, kippt es praktisch: nicht in Kommentaren, sondern in Kassenständen.
So fügen sich zwei Messungen zusammen: Das Allensbach-Barometer zeigt das Meinungsklima der Gesellschaft, der Jimdo-ifo-Index das Entscheidungsklima eines besonders konjunktursensiblen Sektors. Und beide deuten in die gleiche Richtung: 2026 beginnt mit Vorsicht – und mit einer Skepsis, die weniger laut ist als wirksam.
Vorlauf statt Nachlauf
Die Lesart des Statistikers Karl Steinbuch – zuerst Optimismus, dann Wachstum – bekommt hier eine zweite Bestätigung: Wenn Stimmung Vorlauf ist, dann sind die Selbständigen ein besonders empfindlicher Sensor. Denn sie sind näher an Unsicherheit und Finanzierung, und sie erleben Regulierung nicht als Debatte, sondern als Formular.
Millionen kleiner Entscheidungen erzeugen erst jene Durchschlagskraft, die wir Aufschwung nennen oder auch nicht. Der Jimdo-ifo-Befund ist in diesem Sinn kein Randthema, sondern ein Frühwarnsignal: Wo ein Drittel Verschlechterung erwartet und nur jeder Siebte Verbesserung, entsteht kein Gleichschritt nach vorn.
Das Problem der öffentlichen Wahrnehmung
Es kommt etwas hinzu, das man in Konjunkturberichten selten liest: die Frage, wer seine Lage überhaupt noch öffentlich artikuliert. In einer Gesellschaft, in der viele Selbständige das Gefühl haben, politisch nicht vorzukommen, wird aus Unmut leicht Rückzug. Dann wird nicht mehr gestritten, sondern abgewinkt; nicht mehr investiert, sondern „erst mal abgewartet“. Gerade diese stille Resignation ist wirtschaftlich gefährlich, weil sie statistisch als „Stabilität“ erscheinen kann – in Wahrheit aber das Absterben von Dynamik bedeutet.
Der Jimdo-ifo-Befund enthält dafür eine harte Kennzahl: der sprunghaft hohe Anteil derjenigen, die ihre eigene Entwicklung kaum noch prognostizieren können. Wo die Zukunft nicht mehr in Szenarien, sondern nur noch in Befürchtungen vorkommt, wird die Gegenwart defensiv.
Politik: Nicht „Start-ups“, sondern Alltag
Wenn eine Regierung (gleich welcher Couleur) Wachstum will, muss sie dort ansetzen, wo Wachstum im Alltag entsteht: bei den Bedingungen, unter denen Menschen überhaupt den Mut haben, selbständig zu arbeiten. Die Realität sieht anders aus: Krankenversicherungsbeiträge, die sich für Selbständige wie eine Strafsteuer anfühlen; eine Rentenarchitektur, die als Zwang und Misstrauen erlebt wird; eine Praxis der Scheinselbständigkeitsprüfung, die aus berechtigter Missbrauchsbekämpfung oft eine Kultur der Verunsicherung macht.
Wenn die politische Erzählung von „Aktivrente“ und „Steuererleichterungen“ handelt, die Realität der Selbständigen aber aus Beitragsbescheiden, Prüfungen und Kreditklemmen besteht, dann entsteht ein Bruch im Meinungsklima: Man fühlt sich nicht gemeint. Und wer sich nicht gemeint fühlt, verhält sich nicht expansiv.
Der einfache Schluss
Man kann die Lage in einem Satz zusammenfassen: Die Skepsis der Bevölkerung findet bei den Selbständigen ihre praktische Übersetzung. Dort, wo aus Stimmung Handlung werden müsste, überwiegt die defensive Erwartung – und die Unsicherheit ist höher als im Unternehmensdurchschnitt.
Herr Bundeskanzler, machen Sie endliche ihre wirtschaftspolitischen Hausaufgaben.
„Daten sind Macht“ ist eines dieser seltenen Management-Bücher, die nicht so tun, als ließe sich die Welt mit einem Dashboard reparieren. Es ist eher ein Gegenmittel gegen den verbreiteten Irrglauben, Zahlen seien Natur, nicht Narrativ.
Katharina Schüller setzt früh einen Satz, der in jedem Vorstandszimmer an die Wand gehört: „Missbrauch von Daten ist Missbrauch von Macht.“ Das klingt nach moralischem Zeigefinger – ist aber in Wahrheit eine nüchterne Betriebsanleitung für eine Zeit, in der „data-driven“ oft nur bedeutet: Wir haben eine Zahl gefunden, die zu unserer Meinung passt. Schüller dreht die Beweislast um: Nicht „die Daten sagen…“, sondern: Wer hat sie erhoben, wie, wozu, und was wird dabei systematisch übersehen? Daten, so ihr roter Faden, sind nicht neutral, sondern in soziale, wirtschaftliche und politische Kontexte eingebettet; sie formen Entscheidungen und Machtstrukturen. Das ist keine akademische Fußnote, sondern der Kern des Problems.
Das Buch als Entzauberungsmaschine: Die beliebtesten Zahlentricks – und wie sie funktionieren
Schüller schreibt für Führungskräfte, die weniger „mehr KI“ brauchen als mehr Widerstandskraft gegen Statistik-Folklore. Und sie liefert Munition: nicht als trockener Methodenkurs, sondern als Tour durch die gängigsten Manipulationspfade – vom harmlosen Schönrechnen bis zum algorithmischen Irrsinn.
Der Mythos der sauberen Daten: Wenn schon die Erfassung lügt Ein herrlicher, fast schon komischer Abschnitt handelt von Fehlern, die nicht in der Analyse passieren, sondern vorher: Bei der Digitalisierung von Dokumenten „korrigiert“ eine OCR plötzlich Zahlen – aus 8 wird 3, aus 1 wird 7. Das ist keine Metapher, sondern ein reales Risiko automatisierter Verarbeitung. War ja auch mal Thema beim Chaos Computer Club.
Und wer glaubt, das sei ein Nerd-Problem, bekommt gleich den nächsten Treffer: Selbst Tabellenprogramme haben in der Forschung Gen-Namen „automatisch“ umformatiert und damit Daten verfälscht. Die Pointe sitzt: Man kann sich tagelang über p-Werte streiten – und hat vorher schon Müll eingelesen.
Auswahlfehler sind keine Macke, sie sind ein Geschäftsmodell Schüller zeigt, wie leicht sich „Mehrheiten“ erzeugen lassen, wenn man die Teilnahmebedingungen so gestaltet, dass am Ende nur die Lautesten übrigbleiben. Beispiel EU-Konsultation zur Sommerzeit: „84 Prozent“ klingen nach Volkswille – bis klar wird, dass es eben keine repräsentative Befragung war, sondern eine Selbstselektion. Das ist Lehrbuchstoff – und trotzdem Alltag in Politik und PR: Der Trick heißt nicht Fake News, sondern „Online-Umfrage“.
Korrelation ist keine Kausalität – aber eine fantastische Ausrede Wer heute Kausalität behauptet, sollte Belege bringen. Schüller illustriert das über den klassischen Streit um Rauchen und Lungenkrebs: Dass selbst prominente Statistiker Kausalität lange bezweifelten, ist ein Lehrstück über methodische (und manchmal auch ideologische) Blindheit. Der Punkt ist nicht Historie, sondern Gegenwart: In Unternehmen wird Kausalität gern behauptet, wenn eine Korrelation die gewünschte Story hergibt – „Engagement-Score hoch, also Produktivität hoch“ –, und vergessen, wenn sie unbequem wird. Schüllers Mahnung: Ohne belastbares Design bleibt vieles nur Muster – und Muster sind verführerisch.
Die Münzwurf-Studie: Wenn „Evidenz“ statistisch kaum mehr ist als Glück Ein besonders bitteres Beispiel stammt aus der Medizin: Eine Studie, die „Herzgesundheit durch einen Apfel am Tag“ suggeriert, steht und fällt mit einer kleinen Stichprobe – statistisch wird das Ergebnis schnell zur Lotterie. Schüller nutzt solche Fälle, um die Illusion zu zerlegen, man könne aus schwachen Daten starke Schlüsse pressen. Das ist „Absence of Evidence is not Evidence of Absence“ – aber eben auch: Absence of good data is not Evidence of anything.
Wenn Modelle wichtiger werden als Wirklichkeit: der Google-Flu-Effekt Schüller erinnert an das berühmte Beispiel, wie Google mit Suchanfragen Grippewellen vorhersagen wollte – und spektakulär scheiterte, weil die Modellannahmen und das sich verändernde Suchverhalten die Daten überrollten.
Diskriminierung per Proxy: Wenn man das Merkmal entfernt, bleibt es trotzdem drin Wer glaubt, Fairness ließe sich herstellen, indem man in einem Modell „Geschlecht“ oder „Ethnie“ einfach löscht, bekommt von Schüller eine kalte Dusche. Sie beschreibt u. a. den Fall, wie ein Recruiting-System Bewerberinnen benachteiligte – und warum solche Effekte über Korrelationen mit anderen Variablen weiterleben. Der Algorithmus wird dann zum Alibi: „Die Maschine hat entschieden.“ Schüller hält dagegen: Verantwortung lässt sich nicht outsourcen; Ethik ist mehr als Compliance.
Visualisierung als Waffe: Ein Diagramm kann lügen, ohne ein einziges Wort zu sagen Ein einfacher, brutaler Rat aus dem Buch: Erst die Zahlen abdecken, dann vergleichen. Wenn die Grafik nur „wirkt“, solange man die Werte nicht sieht, ist etwas faul. In einer Welt voller Slides ist das fast revolutionär: Misstrauen gegenüber Design ist Datenkompetenz.
Absolute Zahlen sind Betäubung – ohne Kontext werden sie zu Propaganda Schüller zeigt am Beispiel E-Scooter-Unfällen, wie schnell Schlagzeilen entstehen („Unfälle steigen!“), wenn man den Nenner unterschlägt: Wie viele Fahrten gab es? Wie viele Nutzer? Was ist die Vergleichsbasis? Wer nur Zähler liefert, liefert Erregung – keine Erkenntnis. Die kommunalpolitischen Hausmeister saugen diese Scheininfos auf, um E-Sooter aus der Stadt zu verbannen.
Worum es Schüller wirklich geht: Führung als Umgang mit Unsicherheit
Das Buch rahmt „dateninformiertes Entscheiden“ ausdrücklich als Führungsthema, verbunden mit Zielklarheit, Werkzeugwahl und der Pflicht, die eigenen Fragen zu prüfen. Und es insistiert darauf, dass Ethik nicht nachträglich als Pflaster draufkommt: Recht sei das „moralische Minimum“, Ethik die weitergehende Reflexion über das Richtige.
Das Buch will viel. Historischer Abriss, Praxisfälle, Ethik, Führung, KI – manchmal wirkt es wie ein Werkzeugkoffer, in den man noch schnell eine Axt und einen Espresso-Maker gelegt hat. Wer eine stringente, streng didaktische Statistik-Einführung erwartet, wird gelegentlich mit erzählerischen Bögen und Exkursen konfrontiert. Aber vielleicht ist genau das der Trick: Es erreicht Menschen, die bei „Konfidenzintervall“ sonst reflexhaft das Handy zücken.
Und: Die Beispiele sind stark, aber sie machen auch unbarmherzig klar, wie groß das Problem ist. Nach der Lektüre sieht man es überall: in Headlines, in Pitches, in HR-Kennzahlen, in ESG-Reports. Das ist kein Mangel des Buches – eher ein Symptom der Wirklichkeit.
„Daten sind Macht“ ist kein Buch für Leute, die Daten „nutzen“ wollen. Es ist ein Buch für Leute, die vermeiden wollen, von Daten benutzt zu werden – durch andere oder durch die eigenen Wunschvorstellungen. Wer in Organisationen Entscheidungen verantwortet, findet hier keinen Zauberstab, aber etwas Wertvolleres: ein Vokabular, eine Skepsis und eine praktische Prüfliste gegen Zahlenzauberei.
Und wer nach der Lektüre noch immer glaubt, ein Dashboard sei Wahrheit, dem ist nicht zu helfen.
Berlin, Januar. Kälte. Strom weg. Alltag weg. Nerven blank. Und während Menschen frieren, Läden dichtmachen, Infrastruktur stottert, während bis zu zigtausende Haushalte und tausende Betriebe betroffen sind – rattert im politischen Kopf nicht zuerst: Schutz. Aufklärung. Konsequenz. Sondern: Erzählung.
Erzählung ist alles. Erzählung ist der Ersatz für Wirklichkeit. Erzählung ist die Religion der modernen Partei.
Und da stehen sie dann, die Berliner Grünen, geschniegelt im Sprachlabor, und tippen diese eine Zeile, die alles sagt, ohne es zu sagen: Fokus verschieben. Täter raus. Nicht Tat. Nicht Angriff. Nicht Extremismus. Sondern: Wegner.
„Kommunikationslinie“. Dieses Wort ist ein kleines Grab. Darin liegt: Politik.
Denn was ist passiert? Ein mutmaßlich linksextremistischer Brandanschlag/Sabotageakt aufs Stromnetz, Debatte über kritische Infrastruktur, über Verwundbarkeit, über Täterlogik, über Szene, über Abschreckung, über Schutz.
Und was wollen die Grünen? (Laut interner Mail, über die mehrere Medien berichten.) Nicht die Täter in den Mittelpunkt. Sondern: „Kai Wegner kann Krise nicht“. Führung. Kompetenz. Mediale Begleitung. Strategisches Interesse.
Das ist nicht einfach nur taktisch. Das ist das, was Taktik wird, wenn sie nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich existiert.
Der Trick: Moral spielen, wenn es bequem ist
Und dann natürlich: das Tennisding. Der Regierende spielt eine Stunde Tennis – mitten im Blackout – und schwupps, Bingo, das moralische Schnellfeuer ist geladen.
Aber jetzt mal wirklich, Berlin: Eine Stunde Sport ist kein Staatsverrat. Eine Stunde Sport ist oft das Einzige, was dich halbwegs menschlich hält.
Regeneration. Reset. Kreislauf. Kopf frei. Ich sag’s ganz stumpf: Ich spiele in der Regel einmal die Woche eine Stunde Volleyball. Auch wenn alles brennt, auch wenn Arbeit drückt, auch wenn’s „nicht passt“. Gerade dann. Health Care. Nicht Lifestyle. Wartung am eigenen System.
Der zweite Trick: Nicht über Täter reden heißt nicht „nicht spekulieren“
Ja, natürlich: Man soll nicht wild herumspekulieren, bevor Ermittlungen belastbar sind. Das ist banal richtig. Ein Grünen-Abgeordneter wird auch genau so zitiert: Behörden hätten wenig Erkenntnisse, man solle nicht spekulieren, man verurteile Gewalt und wolle Aufklärung.
Aber: Das ist ein anderer Satz als „Täter nicht in den Mittelpunkt“. Das eine ist Zurückhaltung. Das andere ist Agenda-Setzung.
Denn wenn du ernsthaft glaubst, dass politische Kommunikation nach einem Anschlag vor allem „strategisches Interesse“ ist – dann hast du den Moment verpasst, in dem Politik noch etwas anderes war als Medienbearbeitung.
Und dieser Moment ist genau da: Eine Stadt wird angegriffen, Infrastruktur verwundbar, Notfallroutinen, Schutzkonzepte, Zuständigkeiten, Prävention, Strafverfolgung, Lehren.
Aber nein: Erstmal Wegner. Erstmal die Führungsfrage. Erstmal das Bild im Kopf der Leute: Wegner im Tennisoutfit.
Das Perfide daran
Das Perfide ist nicht, dass Opposition kritisiert. Opposition muss kritisieren. Das Perfide ist das Wegdrücken des eigentlichen Kerns:
Dass es in Berlin (mutmaßlich) Leute gibt, die meinen, sie könnten mit Feuer und Sabotage Politik machen. Dass kritische Infrastruktur nicht nur „ein Thema“ ist, sondern das Rückgrat. Dass so ein Angriff nicht nur „eine Krise“ ist, sondern ein Angriff auf Alltag, Sicherheit, Vertrauen.
Und dann kommt die Partei, die gern „Demokratie verteidigen“ sagt, und setzt intern: Bitte nicht über Täter reden, lieber über Wegners Kompetenz.
Das ist diese moderne Form von Verantwortungslosigkeit: Man hält sich die Hände sauber, indem man das Schmutzige einfach aus dem Bild schiebt.
Nicht weil man es nicht sieht. Sondern weil es nicht nützt.
Health Care, liebe Grüne Fraktion
Wenn ihr schon Kommunikation liebt: Dann kommuniziert doch mal das Naheliegende.
Gewalt, Sabotage, Extremismus – egal von wem – sind nicht „Randthemen“, wenn die Stadt im Dunkeln steht.
Krisenmanagement kann man kritisieren, ja. Aber nicht als Ersatzhandlung, damit man das andere nicht anfassen muss.
Und ja: Sport ist sinnvoll. Auch in der Krise. Gerade in der Krise.
Das ist die Pointe, die euch wehtut: Ihr wollt moralisch sein, aber ihr wollt es bequem. Ihr wollt ernst sein, aber bitte so, dass es in die Kommunikationslinie passt. Und wenn die Wirklichkeit stört, wird sie umgeschnitten wie ein missliebiger O-Ton.
Berlin ist nicht eure PR-Bühne. Berlin ist eine Stadt. Mit Kabeln. Mit Kälte. Mit Leuten. Und mit der Erwartung, dass Politik mehr kann als Schlagzeile.
Die sicherheitspolitische Debatte liebt die beruhigenden Begriffe. Sie nimmt ein Wort, das nach Halt klingt, und stellt es wie eine Stütze unter ein schwankendes Gebäude: Resilienz. Man spricht es in Talkshows aus, in Strategiepapiere hinein, in Leitbilder hinein – und meint damit am Ende meist dasselbe: standhalten, aushalten, den Stoß ertragen, wenn er kommt. Das ist die Logik der Befestigung, und sie hat ihren Ort. Doch wer sie zum Leitstern der Epoche erhebt, verwechselt die Tugend der Zähigkeit mit der Kunst der Sicherheit.
Denn im 21. Jahrhundert liegt der Gegensatz nicht zwischen Mut und Feigheit, nicht einmal zwischen Angriff und Verteidigung. Er liegt zwischen zwei Arten, Zeit zu begreifen. Resilienz ist die Haltung, die nach dem Ereignis ihre Würde sucht; Vigilanz ist die Haltung, die vor dem Ereignis die Entscheidung erzwingt.
Vom Wort, das die Lage verrät
Resilienz ist ein Konzept, das aus der Erfahrung industrieller Gewalt gespeist ist: Fabriken, Brücken, Depots, Verbände – Dinge, die sich treffen, zerstören, ersetzen lassen. Wer Resilienz predigt, denkt in Schäden und Reparatur, in Wiederaufbau und Durchhaltefähigkeit. Das ist nicht falsch; es ist nur nicht mehr hinreichend.
Vigilanz hingegen ist kein Zustand, sondern eine Tätigkeit. Sie ist keine Mauer, sondern ein Blick; keine Versicherung, sondern eine laufende Rechnung. Proaktive Wachsamkeit heißt: den Angriff nicht erst „verkraften“, sondern ihn antizipieren, seine Vorzeichen lesen, seine Kostenstruktur verstehen, seine psychologischen und technischen Bedingungen stören, bevor er sich in Handlung verwandelt. Vigilanz ist die Fähigkeit, das Unfertige im Entstehen zu erkennen.
Hier beginnt der neue Ansatz, den Christian Hummert von der Cyberagentur in die Debatte trägt: Er spricht nicht von der Stärke der Substanz, sondern von der Aufmerksamkeit der Organisation. Und Aufmerksamkeit ist im Zeitalter der Asymmetrie selbst eine Waffe.
Von der falschen Buchhaltung
Die Protagonisten der Politik rechnen noch immer gern in den Kategorien, die ihr vertraut sind: Material, Infrastruktur, Personal. Das sind wichtige Größen. Doch es kommen neue Aspekte hinzu. In den asymmetrischen Konfliktformen der Gegenwart gewinnt nicht der, der die größten Lager hat, sondern der, der die bessere Kostenkurve der Wirkung besitzt.
Wenn ein Akteur alte Prestigeplattformen abstößt und in Drohnenschwärme investiert, dann ist das weniger eine technische Mode als eine strategische Aussage: Wirkung wird entkoppelt von Masse. Und wenn ein anderer Akteur hochpreisige Abwehrsysteme einsetzt, um sehr günstige Angriffsobjekte zu bekämpfen, dann entsteht eine gefährliche Illusion: Man hat „abgewehrt“, aber zu Bedingungen, die die eigene Handlungsfreiheit ausbluten lassen. Wer in einem solchen Verhältnis Resilienz predigt, sagt: „Wir werden das schon ertragen.“ Doch Sicherheit ist nicht die Fähigkeit, teuer zu reagieren, sondern die Fähigkeit, den Gegner zu zwingen, teuer zu werden.
Vigilanz heißt daher: nicht nur die eigene Verwundbarkeit zu härten, sondern die gegnerische Kalkulation zu vergiften. Sie fragt: Wo entsteht der Angriff? Welche Vorentscheidungen braucht er? Welche Sensorik, welche Kommunikation, welche Narrative, welche Trainingsdaten, welche Lieferketten, welche Routinen? Und wie lässt sich dort, im Vorfeld, eine Störung setzen, die aus einem günstigen Angriff ein riskantes Abenteuer macht?
Von der Operativität der Wachsamkeit
Man hat Vigilanz oft für eine bloß moralische Tugend gehalten: „wach sein“, „aufmerksam sein“, „nicht naiv sein“. Das ist zu wenig. Vigilanz wird erst dann sicherheitspolitisch relevant, wenn sie operativ wird – wenn sie sich in Systeme, Verfahren, Übungen und Beschaffung übersetzt.
Genau dort setzt die Cyberagentur mit ihren technologischen Linien an: mobile Formen leistungsfähiger Rechenkapazität, neuroadaptive Schnittstellen, autonome Systeme im Schwarm. Der gemeinsame Nenner dieser Vorhaben ist nicht „Hightech“ als Selbstzweck, sondern eine neue Art, Entscheidung zu organisieren: schneller als die Überraschung, robuster als die Störung, verteilt statt zentral, lernend statt statisch.
Die Signale aus Wettbewerben wie HAL2025 – robuste Kommunikation im Schwarm, autonome Perimeter-Aufklärung, schwarmintelligente Sensorik für Großveranstaltungen – deuten auf eine Doktrin, die nicht mehr die einzelne Plattform optimiert, sondern das Verhalten vieler. Schwärme sind nicht nur Geräteverbände, sie sind Entscheidungsmaschinen: Sie verteilen Wahrnehmung, sie absorbieren Ausfälle, sie erzeugen Redundanz ohne übermäßige Kosten. Resilienz versucht, den Schlag zu überleben; Vigilanz versucht, den Schlag gar nicht erst als kohärenten Schlag entstehen zu lassen.
So verschiebt sich die Verteidigung von der Linie in die Tiefe: nicht als Rückzug, sondern als Verdichtung von Beobachtung und Gegenwirkung. Man gewinnt nicht nur dadurch, dass man stärker gepanzert ist, sondern dadurch, dass man dem Gegner den Moment nimmt, in dem sein Angriff „sinnvoll“ ist.
Vom Nebel der Information und seiner Bewaffnung
Die Gegenwart kennt eine zweite Front, die sich nicht in Trümmern zeigt, sondern in Zweifeln: die manipulative Bearbeitung von Wahrnehmung. Deepfakes, koordinierte Desinformation, synthetische Stimmen – all dies ist nicht bloß „Kommunikation“. Es ist ein Angriff auf den Zusammenhang zwischen Ereignis und Urteil. Wer hier nur resilient sein will, plant bereits die Schadensbegrenzung im Vertrauen: Richtigstellungen, Faktenchecks, nachlaufende Aufklärung. Das ist notwendig – aber es ist das Regiment der Nachhut.
Vigilanz in dieser Sphäre bedeutet: nicht erst die Fälschung zu entlarven, wenn sie viral ist, sondern die Entstehungsbedingungen der Fälschung zu erkennen und zu stören: Trends, Narrative, technische Werkzeuge, Foren, die neue Methoden hervorbringen, und die soziokulturellen Spannungen, an die Manipulation andocken will.
Ein konkreter Ausdruck dieser Idee findet sich im Konzept „Cassandra“ der Bonner Söhne – Constantin und Gunnar Sohn i- n Anlehnung an das Konzept von Professor Jürgen Wertheimer: Der Ansatz setzt nicht primär bei der nachträglichen Erkennung fertiger Deepfakes an, sondern bei der präventiven Frühdetektion. Ein KI-System soll kontinuierlich Kontextinformationen, Trends und Narrative analysieren, um manipulative Absichten und entstehende Deepfake-Techniken bereits in ihrer Entwicklungs- oder Planungsphase zu identifizieren. Es beobachtet nicht nur technische Merkmale, sondern auch Kommunikationsmuster, Diskussionsräume und soziokulturelle Bewegungen – und schafft damit eine Datenbasis, die Bedrohungen „vor ihrer Materialisierung“ sichtbar macht.
Man erkennt: Das ist Vigilanz in Reinform. Nicht der Kampf um das einzelne Video steht im Zentrum, sondern der Kampf um das Zeitfenster. Wer früher sieht, zwingt den Gegner, früher zu handeln – und wer den Gegner zu früherem Handeln zwingt, zwingt ihn oft zu schlechterem Handeln.
Von der Trägheit der Institutionen
Jede strategische Einsicht scheitert zuerst an der Gewohnheit. Institutionen lieben klare Zuständigkeiten, feste Grenzen, messbare Outputs. Resilienz ist administrativ bequem: Man kann Listen erstellen, Schutzbedarfe definieren, Standards setzen, Audits durchführen. Vigilanz hingegen ist unbequem, weil sie nicht nur „Schutz“ ist, sondern Jagd: Sie verlangt Hypothesen, kontinuierliche Beobachtung, das Denken in gegnerischen Möglichkeiten, den Mut zur Vorverlegung von Ressourcen in den Bereich des Ungewissen.
Das Ungewisse ist aber nicht das Gegenteil von Rationalität; es ist ihr Prüfstein. Wer nur das absichert, was bereits bekannt ist, baut Festungen gegen die letzte Schlacht. Vigilanz verlangt eine Organisation, die nicht nur reagiert, sondern lernt – eine, die Fehler schnell erkennt, Korrekturen schnell zulässt, und die in Übung und Alltag dieselbe Sprache spricht.
Dazu gehört auch eine neue Beschaffungslogik. Nicht „das beste System“ ist die Frage, sondern: Welches System verändert die gegnerische Kostenrechnung am stärksten? Welche Fähigkeiten lassen sich skalieren, ohne dass jeder Zuwachs exponentiell teurer wird? Wo ersetzt Software teure Hardware? Wo ersetzt Verteilung die Verwundbarkeit des Zentrums? Wo ersetzt Autonomie die Trägheit der Befehlskette – ohne die politische Kontrolle zu verlieren?
Von der Entscheidung als eigentlichem Ziel
Am Ende ist Sicherheitspolitik nicht die Verwaltung von Dingen, sondern die Gestaltung von Entscheidungen. Der Gegner versucht, uns in Situationen zu bringen, in denen jede Wahl schlecht ist: teure Abwehr gegen billigen Angriff, hektische Kommunikation gegen kalkulierte Manipulation, späte Reaktion gegen frühe Initiative. Resilienz akzeptiert oft, dass man in diese Lage gerät – und will dann „durchhalten“. Vigilanz will verhindern, dass diese Lage überhaupt entsteht.
Das heißt nicht, dass Vigilanz immer „offensiv“ sein muss. Es heißt, dass Verteidigung nicht passiv verstanden werden darf. Die wahre Verteidigung ist diejenige, die dem Gegner die Form seines Angriffs nimmt. Sie arbeitet am Vorfeld: an Sensorik, an Vorwarnung, an Mustererkennung, an der Robustheit verteilter Kommunikation, an der Fähigkeit, Schwärme nicht nur zu haben, sondern zu führen – und an der geistigen Disziplin, das Denken des Gegners als ständige Aufgabe zu begreifen.
Der Wechsel der Epoche in einem Begriff
Resilienz bleibt notwendig, weil kein Schutz vollkommen ist. Aber sie darf nicht mehr die Leitidee sein, wenn der Angriff selbst billig, schnell, massenhaft und oft unsichtbar geworden ist. Dann wird Resilienz zur Erzählung des Ertragens – und das Ertragen ist keine Strategie.
Vigilanz ist die Erzählung des Vorgriffs. Sie ist das Prinzip, das Technik, Organisation und Politik auf eine neue Zeitskala zwingt: früher sehen, früher entscheiden, früher stören. In diesem einen Wort liegt der Übergang von der Festung zur Aufklärung, vom Wiederaufbau zur Verhinderung, vom Nachlauf zur Initiative.
Und wer die Initiative in der Zeit gewinnt, gewinnt häufig auch die Freiheit im Raum.
Denn du baust dir einen Bruch, den du dann beklagen kannst. Dabei ist der Bruch älter. Kälter. Und viel banaler.
Regionalbahn ist nicht der Skandal. Skandal war immer schon: Tempo ersetzt Urteil.
Diese Szene ist wahr, klar. Aber sie ist nicht “neu”. Neu ist nur, dass die Geste sichtbarer ist: nicht tippen, nicht klicken, sondern sprechen lassen. Der Reflex war längst da: Ich bin unsicher → ich frage eine Maschine → ich nehme das Ergebnis als Orientierung. Nur dass früher das Ergebnis als Trefferliste kam, heute als Stimme.
Und wenn du so schreibst, als sei das eine moralische Wende, dann tust du so, als sei die alte Welt der Suchmaschinen ein epistemischer Garten gewesen: Links, Quellen, Aufklärung. War sie nicht.
Die Suchmaschine: hundertstel Sekunden, Spiegelbild — und drunter der Schminkkoffer.
Du schreibst: Suchmaschinen führten zu Quellen. Bewertung blieb bei den Nutzern. Ich sage: Suchmaschinen führten zu Siegern. Bewertung wurde delegiert an Rankings, Snippets, Klickwahrscheinlichkeiten, an den ganzen Markt für Aufmerksamkeit.
Hundertstel Sekunden, zack, ein Spiegelbild der Serverwelt. Aber dieser Spiegel war geschminkt. SEOLeadSchlagmichtot. Experten, die Überschriften züchten wie Mastschweine. “Top 10”-Listen, die nie etwas erlebt haben, aber alles behaupten. Affiliate-Köder, Keyword-Suppe, Content-Farmen. Das war nicht die Ausnahme, das war das System. Du kannst nicht die Trefferliste als “Quelle” romantisieren und dann der KI vorwerfen, sie liefere “Plausibilität”. Plausibilität war schon immer die Währung. Nur dass sie früher als Link getarnt war.
Luhmann: Die Entkopplung ist der Grundzustand — nicht KI.
Wenn man wirklich verstehen will, was passiert, muss man tiefer als “Intermediär”. Der Soziologe Niklas Luhmann hat es glasklar beschrieben: Eingabe und Abruf werden so getrennt, dass keine Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Und mit dieser Entkopplung passiert etwas Brutales: Autorität der Quelle wird entbehrlich. Absicht wird unlesbar. Verdacht wird schwer.
Das ist der Kern, Klaus. Nicht ChatGPT. Nicht “Konfabulation”. Computerkommunikation selbst ist das Setting, in dem Herkunft der Information verblasst und die Form des Outputs die Rolle der Quelle übernimmt.
“Plausible Konfabulation”
Deine Metapher aus der Neuropsychologie ist elegant: Konfabulation ohne Täuschungsabsicht. Plausible Fortsetzung. Statistik statt Bedeutung. Nur: Selbst wenn das technisch stimmt, sozial stimmt etwas anderes viel mehr.
Die Gefahr ist nicht primär, dass etwas falsch ist. Falsches gab es immer. Die Gefahr ist: Die Autorität wandert in den Klang der Antwort. Nicht Quelle, nicht Motiv, nicht Kontext – sondern Ton. Flüssigkeit. Souveränität. “Hilfreich”. Die Maschine muss nicht lügen, um Wirkung zu haben. Sie muss nur so klingen, dass du aufhörst, nach Herkunft zu fragen.
Und dann kommt dein Satz: “Wer KI nutzt, produziert mehr, schneller, glatter.” Glatter – als moralisches Urteil. Als Vorwurf. Als Verdacht.
Hier widerspreche ich aus eigener Praxis: Ich produziere nicht glatter. Ich produziere präziser. Besser begründet. Fundierter. Weil ich nicht delegiere, sondern arbeite: iterieren, nachfragen, Gegenargumente ziehen, Begriffe klären, Struktur prüfen, nochmal prüfen. Nicht “mach du”, sondern “gib mir Varianten, damit ich härter entscheiden kann”. Das ist nicht Doping. Das ist Handwerk in Schleife.
Und genau an dieser Schleife entscheidet sich alles: ob KI zur Plausibilitätsdroge wird – oder zum Präzisionswerkzeug.
Herkunft ist nicht Schicksal – und genau hier kann KI zum ersten Mal wirklich brechen
Jetzt kommt mein eigener Punkt. Hyperpersonalisierung ist die neue Chance für Menschen, die bislang keine Chancen hatten. Hyperpersonalisierung ist eine Praxis. Meine Schleife. Meine Arbeit. Meine Disziplin: fragen, nachhaken, gegenprüfen, umformulieren, präzisieren. Und ich behaupte: Genau darin liegt die antielitäre Sprengkraft.
Denn Deutschland hat dieses alte, zähe Gesetz: Herkunft gleich Zukunft. Postleitzahl als Prognose. Elternhaus als Lebenslauf. Schule als Sortiermaschine. Und ja: Es gibt die alte Route der Privilegien immer noch – Salem-Internat, dann Harvard, dann CEO, Aufsichtsrat, Spitzenwissenschaft, Gründung. Der glänzende Korridor. Und daneben: das Regelsystem für alle anderen. Das ist nicht nur “ungerecht”, das ist strukturell.
Und hier wird KI plötzlich erquicklich real: Kein Lehrer, keine Lehrerin kann Losgröße 1. Nicht, weil sie schlecht wären. Weil es praktisch unmöglich ist. Zwanzig oder dreißig Kinder, fünf Stunden, Lehrplan, Noten, Verwaltung, Lärm, Müdigkeit. Da gibt es nicht “individuell”, da gibt es bestenfalls “differenziert”. Förderung als Ausnahme, nicht als Betrieb.
Der Lerncomputer kann Losgröße 1. Nicht magisch. Nicht moralisch. Einfach: skalierbar. Er kann dir hundert Erklärungen geben, bis es klickt. Er kann dich nicht beschämen, wenn du zum fünften Mal fragst. Er kann in deinem Tempo laufen, nicht im Tempo der Klasse. Er kann dir Wege öffnen, die das System oft nicht liefert.
Und ja: Er kann dich aus der Fritz-Erler-Allee 16, Gropiusstadt, Berlin-Neukölln nicht in die Eckkneipe vor der eigenen Tür führen – nicht in den erwartbaren Kreis –, sondern in Bildungsabenteuer mit beruflicher Perspektive, die im Schulsystem viel zu oft gar nicht erreichbar gemacht werden. Nicht weil KI “gut” ist. Sondern weil Zugang plötzlich anders organisiert werden kann: individuell, dauerhaft, ohne soziale Demütigung, ohne Gatekeeper-Rituale.
Das ist in der jüngeren Bildungsgeschichte ein möglicher Bruch: Herkunft muss nicht mehr so hart Zukunft diktieren, wenn Losgröße 1 zur Grundform werden kann. Antielitär nicht als Parole, sondern als Praxis. Und dass “elitär anmutende Experten” das reflexhaft kleinreden (“Doping!”, “Betrug!”), ist oft weniger Sorge um Wahrheit als Sorge um Ordnung: Wenn Förderung massenhaft wird, verliert das Privileg der Förderung seinen Status.
Natürlich ist das kein Automatismus. Ohne Gerät, ohne Ruhe, ohne Unterstützung wird niemand “erlöst”. Aber der Punkt bleibt: Zum ersten Mal gibt es ein Werkzeug, das Individualförderung nicht nur verspricht, sondern liefern kann. Und das ist politisch.
Wenn KI hier helfen kann, dann nicht als Sprachmaschine. Sondern als Werkzeug, das Arbeit ermöglicht — präzise, iterativ, antielitär. Und genau deshalb sollte man aufhören, sie nur als “plausible Konfabulation” zu beschreiben. Das ist zu klein. Das ist zu bequem.
Zitat heißt: Ich war da. Ich habe etwas, das andere brauchen. In der Medienwelt ist das die härteste Währung. Wer oft zitiert wird, bestimmt nicht nur Gespräche – er bestimmt, worüber überhaupt gesprochen wird. Die Media-Tenor-Auswertung für 2025 zeigt deshalb keine bloße Rangliste. Sie zeigt ein System. Und dieses System hat Schlagseite.
Die BILD-Gruppe baut ihre Dominanz aus. 2025 liegt sie bei 1.476 Zitaten, 2024 waren es 1.374. Auf Platz zwei folgt die SPIEGEL-Gruppe – aber mit Abstand und mit Verlusten: 924 nach 1.073. Auch Handelsblatt und Süddeutsche verlieren. Gewinner sind neben BILD unter anderem die RTL/ntv/STERN/CAPITAL-Gruppe sowie FAZ und Tagesspiegel. Das ist mehr als ein Stimmungsbild: Es ist ein Machtwechsel im Zitierkartell der Leitmedien.
Dominator Bild
Warum BILD? Die Studie nennt einen Treiber beim Namen: „Horse-Race“-Berichterstattung, also Umfragen als Dauer-Drama. Umfragen sind bequem. Sie sind schnell. Sie liefern Zahlen, die jede Redaktion ohne großen Aufwand in eine Schlagzeile gießt. Und sie sind politisch verwertbar. Wer Umfragen setzt, setzt Themen – und wer Themen setzt, wird zitiert. Das Problem: Umfragen sind kein Ersatz für Politikberichterstattung. Trotzdem wurden sie 2025 zum zweithäufigsten Zitate-Thema, direkt hinter der Asylpolitik. Das ist eine medienpolitische Warnlampe.
Denn Zitate entstehen nicht im luftleeren Raum. Zitate entstehen in Redaktionskonferenzen. Dort entscheidet man: Machen wir das groß – oder klein? Nehmen wir den Konflikt – oder die Lösung? Den Skandal – oder die Struktur? Das Ranking legt nahe: Was sich gut zuspitzen lässt, gewinnt. Parteipolitik steht an der Spitze der Zitate-Themen, dazu innere Sicherheit, internationale Konflikte, Krieg. Drängende Dauerbaustellen wie Rente, Bildung, Arbeitsmarkt tauchen in dieser Top-Liste nicht als Zugpferde auf. Gesundheit schafft es immerhin unter die Top 15. Aber das Gesamtbild bleibt: Außen, Alarm, Aufregung. Innen, Alltag, Ausdauer: zu selten.
Angelsächsische Tiefenbohrer gefragt
Politico springt 2025 sichtbar nach oben; als Grund nennt die Auswertung ein Trump-Interview, das die Plattform „deutlich nach oben“ katapultiert. Die Financial Times schärft ihr Profil als Quelle für internationale Wirtschaftsbeziehungen und wird mit Analysen und Recherche besonders häufig zitiert. Das ist interessant: Wenn es um die Weltwirtschaft geht, vertrauen deutsche Leitmedien auf angelsächsische Tiefenbohrer. Wenn es um deutsche Innenpolitik geht, vertrauen sie auffällig oft auf den heimischen Krawallmotor. Beides zusammen ergibt ein merkwürdiges Menü: außen präzise, innen polarisiert.
Tagesspiegel kann punkten
Der Tagesspiegel zeigt, wie Agenda-Setting funktioniert – selbst im Sommerloch. Recherchen zu Moskau-Reisen und Konferenzauftritten trieben die Zitate in den Monaten Juli und August; später sogar eine Feiertagsdebatte. Das ist die gute Nachricht: Journalistische Arbeit kann durchdringen. Die schlechte Nachricht: Sie muss oft den Umweg über Empörung nehmen, um den Zitat-Olymp zu erreichen.
Der Politikteil ist die Zitat-Schaltzentrale. Und dort ist BILD „das Maß der Dinge“. Das ist nicht bloß ein journalistisches Detail. Das ist medienpolitisch relevant, weil Zitate in Leitmedien Rückkopplung erzeugen: Politik liest Medien, Medien zitieren Medien, Politik reagiert auf das, was Medien als Reaktion darstellen. Ein Zirkel. Wenn in diesem Zirkel ein Medium mit Umfragen und Zuspitzung dauerhaft dominiert, verschiebt sich der Ton. Der Diskurs wird schneller, härter, taktischer. Und wer am Rand steht, bekommt mehr Bühne – nicht weil er stärker argumentiert, sondern weil er stärker klickt.
Bild stark auch bei Wirtschaftsthemen – ARD und ZDF schwach
Im Wirtschaftsteil fällt eine zweite Schieflage auf. Handelsblatt und Financial Times führen – erwartbar. Überraschend ist, dass BILD im Wirtschaftsteil deutlich vor dem SPIEGEL liegt, während ARD und ZDF dort schwach sind. Wer Wirtschaft nicht erklären kann, verliert Einfluss. Und wer Einfluss verliert, verliert wiederum die Fähigkeit, wirtschaftspolitische Debatten zu erden – gerade in Zeiten von KI, Robotik und Umbrüchen in Schlüsselbranchen. Die Studie zeigt: 2025 rücken IT, Elektro, KI und Robotik als Zitat-Treiber nach vorn; der Auto-Sektor nutzt sich ab; Chemie fällt durchs Raster. Das ist kein naturgegebenes Abbild der Realität – das ist eine Auswahl.
TwitterX wichtigste Plattform im Zitate-Ranking
Plattformen sind längst Mitsender. X (Twitter) bleibt die dominierende zitierte Plattform; Truth Social legt zu, bleibt aber stark an Trump gebunden. LinkedIn steigt als Zitierquelle – auf einem Niveau, das plötzlich mit etablierten Marken konkurriert. Table.Media verdoppelt seine Sichtbarkeit und hängt einen prominenten Konkurrenzbrief ab. Das alles zeigt: Die Grenze zwischen Redaktion und Netzwerk löst sich auf. Wer medienpolitisch noch so tut, als sei „Presse“ ein klar umgrenztes Gebiet, verwaltet ein Museum. Zitate Gesamtjahr 2025
Was folgt daraus? Keine Moralpredigt. Regeln.
Transparenzregeln für Umfragen. Wenn Umfragen den Diskurs treiben, müssen Herkunft, Methode, Unsicherheit und Auftraggeber in der Berichterstattung sichtbar sein – und zwar standardisiert. Und: Redaktionen sollten offenlegen, wie oft sie Umfragen ohne neue politische Substanz spielen. Das ist kein Maulkorb. Das ist Hygiene.
Öffentlich-rechtlicher Auftrag im Wirtschaftsteil ernst nehmen. Wenn öffentlich-rechtliche Anbieter bei Wirtschaft schwächeln, ist das ein Auftragsproblem – nicht nur ein Redaktionsproblem. Wirtschaft ist Alltagspolitik: Mieten, Energie, Jobs, Innovation. Wer das nicht beherrscht, überlässt das Feld den Lauten oder den Londonern.
Plattformkompetenz als Pflichtfach – auch für Redaktionen. Wenn X, LinkedIn und alternative Portale zitierfähig werden, brauchen Redaktionen klare Standards: Verifikation, Kontext, Missbrauchsschutz. Und Medienaufsicht braucht die Fähigkeit, systemische Verstärker zu erkennen: Welche Plattformmechanik macht welches Narrativ groß?
Mehr Themenmut. Das Zitate-Ranking zeigt eine Fixierung auf Parteipolitik und Konflikte. Medienpolitik kann das nicht verordnen. Aber sie kann Räume schaffen: für Bildung, Infrastruktur, Demografie. Nicht als „Service“, sondern als Machtfrage.