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Ibbtown Buchclub #4: Youp van ‘t Hek — Ein Meer an Zeit

Will­kom­men im neu­en Jahr und viel­leicht will­kom­men zu einem neu­en Autor. Youp van ‘t Hek ist der Kaba­ret­tist schlecht­hin in den Nie­der­lan­den, hier­zu­lan­de lei­der wenig bekannt, und letz­tes Jahr in Ren­te gegan­gen, indem er sei­nen Abschied von der Büh­ne nahm.

Mit die­sem schön von Mari­je Tol­man bebil­der­ten klei­nen Werk führt er Rent­ner­kol­le­gen ins neue Dasein ein, indem er darahf hin­weist, das Alte hin­ter sich zu las­sen und mit dem neu­en Freund­schaft zu schlie­ßen. Das ist ehr­lich, direkt und so poin­tiert, wie man Youp von der Büh­ne her kennt:

du bist in der Fir­ma will­kom­men
Komm ein­fach vor­bei, wenn du willst
Die Tür steht dir offen
Das sagen sie
Aber das mei­nen sie nicht
Und sie hof­fen es schon gar nicht
Weg ist weg ist weg ist weg

Für jeden aktu­ell in die Ren­te Gehen­den ein schö­nes Will­kom­mens­ge­schenk, eine erst­mals deut­sche Lek­tü­re von Youp van ‘t Hek und etwas, was man ger­ne wie­der in die Hand nimmt.

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Der talentierte Mr. Gröver

Hat sich Adolf Hit­ler sei­ne Kar­rie­re durch sei­ne Medi­ka­men­ten­sucht ver­saut?

Komi­sche Fra­ge? So in etwa denkt man aber bei der IVZ, wenn man bei der Beschrei­bung des Kriegs­ver­bre­chers und Mör­ders Theo Grö­ver zeit­lich nach einer ihm ange­las­te­ten Erschie­ßungs­ak­ti­on von 800 Men­schen meint:

Ab Juli 1942 soll­te er in Uman eine Dienst­stel­le ein­rich­ten. Laut Gericht „ergab er sich dort in zuneh­men­dem Mas­se dem Trun­ke, sodass er im Okto­ber 1942 nach Würz­burg zurück­ver­setzt wur­de“.

Gut, in die Zeit in Uman fällt der Vor­wurf der sexu­el­len Nöti­gung und die Ermor­dung eines Ehe­paars. Aber okay, was war in Würz­burg danach?

Dort rui­nier­te er sich sei­ne Kar­rie­re in der SS gänz­lich. (…) Theo­dor Grö­ver ist in der SS-inter­nen Rang­ord­nung nach einer stei­len Kar­rie­re nach oben eben­so tief gefal­len. In den letz­ten Kriegs­ta­gen geriet er als Sturm­mann der Waf­fen-SS in Gar­misch in ame­ri­ka­ni­sche Gefan­gen­schaft. Dies war der zweit­nied­rigs­te Rang der SS. In sei­ner Gefan­ge­nen­kar­te wer­den als (frü­he­re) Titel auf­ge­führt: „Kri­mi­nal­kom­mis­sar, SS-Ober­sturm­füh­rer“. Zwi­schen die­sen bei­den Rän­gen lie­gen acht Beför­de­run­gen.

Ja, scha­de um die Kar­rie­re. Was hät­te aus dem nicht noch für ein talen­tier­ter Mas­sen­mör­der wer­den kön­nen.

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Mehr Bild als Beleg

Ich kom­me ja immer mehr zur Über­zeu­gung, dass die IVZ nicht das rich­ti­ge Medi­um für die Dar­stel­lung von Geschich­te ist, wenn die Bil­der immer so groß, die Arti­kel so klein und die Bear­bei­tungs­zeit zu kurz bemes­sen sind. Im Arti­kel Sadist und unbarm­her­zi­ger Hen­ker über August Mie­te ist zu lesen:

Zurück­ge­zo­gen leb­te er in Osna­brück in sei­nem „Tiro­ler Haus“ – angeb­lich gekauft mit dem Geld, das er den ermor­de­ten jüdi­schen Häft­lin­gen in Treb­linka gestoh­len hat­te. Als der Wes­ter­kap­pel­ner am 9. August 1987 starb, war er 78 Jah­re alt.

Ja, wenn schon blind­lings aus der Wiki­pe­dia abschrei­ben, dann doch bit­te rich­tig. Dort steht ohne irgend­ei­nen Beleg:

Mie­te was con­di­tio­nal­ly released from pri­son, and reti­red near Osna­brück, into his own Tyro­lean house bought with the loot from Treb­linka.

An sei­ner letz­ten Adres­se in Lot­te, nahe Osna­brück, stand das Wohn­haus und die Müh­le der Fami­lie Mie­te. Die Geschich­te, er habe sich Geld in Treb­linka ergau­nert, das er sowohl vor sei­nen Vor­ge­setz­ten, als auch dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf ver­ste­cken konn­te, ist, um es noch­mal zu sagen, durch nichts belegt.

„Für August Mie­te wur­den kei­ne Trä­nen ver­gos­sen“ heißt es in einem Bei­trag des „World Histo­ry Kanal“.

Und was in irgend­ei­nem You­Tube-Kanal einer nicht­wis­sen­schaft­li­chen Quel­le steht, das muss ja wohl stim­men. Die Fra­ge, die sich tat­säch­lich hier stellt ist, ob man die­se Geschich­te als Wes­ter­kap­pel­ner oder Lot­te­ra­ner Geschich­te auf­fasst.

Dass das Abschrei­ben aus ande­ren Quel­len auch nicht so gut funk­tio­niert, zeigt der Arti­kel „Los Grö­ver, schie­ßen Sie!“ über Theo­dor Grö­ver:

Weni­ge Wochen spä­ter erhielt Grö­ver den Auf­trag, die Erschie­ßung von Insas­sen einer Psych­ia­trie in Donezk (frü­her: Sta­li­no) vor­zu­be­rei­ten. Der ursprüng­li­che Plan, die Insas­sen mit einer Gift­sprit­ze zu töten, wur­de fal­len­ge­las­sen. Dar­auf­hin such­te Grö­ver als Ver­ant­wort­li­cher einen Pan­zer­gra­ben in der Nähe der Anstalt als Erschie­ßungs­ort aus. Im Wup­per­ta­ler Gerichts­pro­to­koll heißt es dazu: „Dar­auf­hin wur­den bis zum Auf­bruch des EK 6 nach Sta­li­no 800 von 1160 in der Anstalt unter­ge­brach­ten Irren an dem von Grö­ver aus­ge­such­ten Pan­zer­gra­ben durch Genick­schuss getö­tet. Grö­ver lei­te­te die Erschie­ßung als SS-Füh­rer. Vie­le der Opfer gin­gen lachend und wild ges­ti­ku­lie­rend in den Tod.“ (wird fort­ge­setzt)

Spoi­ler: Wird nicht fort­ge­setzt. (s. Aktua­li­sie­rung)

Viel­leicht sieht man schon, dass sich der Aus­druck “bis zum Auf­bruch des EK 6 nach Sta­li­no” etwas damit beißt, dass zuvor eine Erschie­ßung in Sta­li­no statt­ge­fun­den haben soll. Das hängt damit zusam­men, dass die gemein­te Erschie­ßung nicht in Sta­li­no war, son­dern in Igren. Das ist in der Ver­schrift­li­chung des Urteils des Land­ge­richts Wup­per­tal auch unmiss­ver­ständ­lich her­aus­zu­le­sen (Irgen wird dort “Igrin” genannt).

Auch die Aus­las­sun­gen des Land­ge­richts Düs­sel­dorf zu August Mie­te soll­te man bes­ser im Ori­gi­nal lesen. Das The­ma braucht ein­fach kei­ne zusätz­li­che Effekt­ha­sche­rei auf Kos­ten des Sach­in­halts.

Aktua­li­sie­rung, 31. 12.2025
Nach andert­halb Mona­ten wur­de der Arti­kel zu Theo­dor Grö­ver doch noch ergänzt, die­ses Mal sogar mit einem Foto. Der bis­he­ri­ge Feh­ler wur­de zumin­dest nicht wie­der­holt, dafür wird die Mär erson­nen, Grö­ver habe sich durch Alko­ho­lis­mus “der Tötungs­ma­schi­ne­rie” ent­zo­gen, was genau­so beknackt ist wie das Her­aus­stel­len, Grö­ver habe sich durch Alko­ho­lis­mus sei­ne Kar­rie­re ver­saut, als ob dahin­ter irgend­ein ernst­haf­ter Wert stün­de. Den Ursprungs­text ein­fach mal zu ver­lin­ken wäre ein­fach weni­ger irri­tie­rend.

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Gerlis Zillgens: Lametta ist weg

Unversch­arch­te Kin­der­bü­cher zu fin­den ist heut­zu­ta­ge ja schon eine Kunst, wer das Pro­blem kennt, soll­te die­sem Schmö­ker mal eine Chan­ce geben: Von Maus­wart, ein ade­li­ger Kater, ist von der eben­bür­ti­gen Kat­zen­sän­ge­rin Lamet­ta ange­tan, wäh­rend ihm in der begin­nen­den Advents­zeit ansons­ten alles auf den Keks geht. Doch dann ver­schwin­det sie kurz vor den Fest­ta­gen. Was tun?
In 24 Kapi­teln wird die­se lus­ti­ge, wenn auch ab und an mor­bi­de Geschich­te unter­halt­sam auf­ge­löst.

cbj, ISBN: 9783570172490, 9,99€ Taschen­buch, 6,99€ eBook

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Ibbtown Buchclub #3: Michel Malcin, Helene Volkensfeld — Abgefahren

Das Aus­stei­ger­buch des frü­he­ren Ibben­bü­re­ner Pas­tors ist ein span­nen­der Road­trip und Lebens­rat­ge­ber, wenn man sich dar­auf ein­lässt, der auf jedem Cof­fee­ta­ble sei­ne Berech­ti­gung hat.

Unaus­ge­füllt mit sei­ner dama­li­gen Lebens­la­ge nimmt Michel Mal­cin sich die Frei­heit, sein Leben umzu­krem­peln und das Glück her­aus­zu­for­dern. Er char­tert einen alten Ber­li­ner Dop­pel­de­cker­bus, lernt Bus­fah­ren und Kaf­fee­ko­chen, bereist die Welt und lässt sei­ne Gäs­te aus aller Her­ren Län­dern träu­men. Bald gesellt sich eine Weg­be­glei­te­rin zu ihm. Bei­de schaf­fen es, den Zau­ber des Bus­ses ins Buch mit­zu­neh­men. Cha­peau!

Noch bis Ende Dezem­ber ist der Dop­pelle­cker-Bus in Ibben­bü­ren sta­tio­niert, nichts wie hin und das Buch signie­ren las­sen.

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